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Im Focus

Fragilität und Fülle
Christof Loy zeigt in Frankfurt einen «Don Giovanni» für Kenner. Christian Gerhaher debütiert in der Titelpartie

Bleich sieht er aus, wenn er so in die Leere starrt. Leise tönt seine Stimme. Mehr singt es aus ihm, als dass er die Initiative ergreifen würde. A-Dur ist plötzlich eine fahle, weiße Tonart und «Là ci darem la mano» alles andere als eine Verführungsnummer. Don Giovanni holt seine Gedanken aus weiter Ferne. Mit der kleinen, drallen Zerlina jedenfalls, deren Augen seinen Blick suchen, haben sie nichts zu tun. Und dann gibt er sich einen Ruck, schaut sie an – und lässt sich von ihr verführen. Denn das ist seit jeher sein Geheimnis gewesen: dass er nicht den dämlichen Sexprotz gegeben hat mit praller Hose und leerem Kopf, sondern dass er den Frauen gezeigt hat, was sie mit ihm machen, dass er sich fallen ließ in ihre ­Blicke, ihre Düfte, ihre abwehrende Bereitschaft. Indem er sie zu Siegerinnen erhob, sicherte er sich den Sieg.

Im zweiten Akt gibt es dann doch ein Liebesduett, und wieder heißt die Tonart A-Dur. Nur dass Don Giovanni dieses A-Dur sofort ins Dominantische und bisweilen auch ins Mediantische überhöht. Jetzt schwelgt und schmachtet er und zeigt seinem Diener, wie das geht. Doch es sind die Töne einer echten, alten Beziehung, die hier klingen. Donna Elvira war Giovannis Frau, und auch wenn er sie schnell verließ, so haben die beiden doch einmal aneinander geglaubt. So blitzt in Mozarts Terzett Nr. 15 eine Wahrheit und Wärme des Ausdrucks auf, die sonst fehlt und die schnell wieder im Zynismus erotischer Routine verpufft.

Es ist ein «Don Giovanni» für Kenner, den Christof Loy in Frankfurt inszeniert hat. Subtile Bezüge und indirektes Licht prägen den Abend, Gemeinsamkeiten im scheinbar Verschiedenen, das Tragische im Poetischen, die Verlorenheit des Affekts. Wer das Stück nicht genau kennt, könnte sich langweilen. Wer es kennt, wird umso wachsamer sein. Dabei ist die Grundidee einfach und keineswegs neu. Schon zur Ouvertüre stürzt der später vielfach als Requisit genutzte Vorhang zu Boden und gibt einen verfallenden, theaterähnlichen Salon des Ancien Regime samt Kamin und schweren Fensterläden frei (Bühne: Johannes Leiacker). Don Giovanni tötet mit dem Komtur sein Alter Ego. Der Blick in die Augen des Sterbenden wird sein Menetekel. Die Handlung als Patchwork aus Vor- und Rückblicken. Ein Totentanz, könnte man auch sagen, zu dem im ersten Finale die Bühnenmusiker mit Schädelmasken aufspielen. Neu sind allerdings die Konsequenzen, die Loy aus diesem Ansatz zieht. Giovanni und der Komtur: zwei alte Männer mit langem, weißem Haar im schwarzen Wams (die Kostüme von Ursula Renzenbrink verweisen auf die Entstehungszeit, bisweilen voraus auf Byron-Romantik). Donna Annas schutzsuchendes Anschmiegen gilt beiden: dem Vater und dem Liebhaber. In den Finali dient der Spiegeleffekt als Coup: die Champagner-Arie im Kavalierskostüm, mit dem Max Slevogt den Mythos Giovanni verewigt hat. Der steinerne Gast dann im gleichen Outfit, die Höllenfahrt als multipliziertes Fechtduell des Anfangs. Wie oft bei Loy mischt sich sanfte Historisierung mit lustvoller Narrativität, präzise Körperarbeit mit rezeptionsgeschichtlichem Horizont. Und wie immer sind die Figurenporträts aufs Engste mit den Darstellern verschmolzen.

Christian Gerhaher, zweifellos einer der großen Lieder-Sänger unserer Zeit, gibt Giovanni nicht einfach als gebrochenen Bonvivant. Er geht am Stock, aber er singt mit berstender Virilität. Das satte Forte, über das er durchaus gebietet, bleibt nur eine Farbe unter vielen. Es kann kippen in fast lautlose Melancholie, sanften Nachdruck, lyrische Eleganz. Es ist die Mischung aus Fragilität und Fülle, die dieses Rollendebüt ausmacht. Man könnte auch sagen: die Jugendlichkeit in der Reife, die Gefährdung in der Emphase. Abgründe, die andere Giovannis herzustellen versuchen, ergeben sich wie von selbst. Und natürlich sind die Rezitative (aus denen die Partie hauptsächlich besteht) fein durchnuanciert.

In freiem Umgang mit der Fassungsfrage darf Don Ottavio sein (eigentlich für Wien nachkomponiertes) «Dalla sua pace» singen, was Martin Mitterrutzner mit feinen dynamischen Abschattierungen gelingt: Donna Annas Verlobter als ernster und ernst zu nehmender, kraftvoll-gefasster Gegenpol zu Giovanni. Im Arienreigen des zweiten Akts fehlt «Il mio tesoro». Dafür nutzt Loy das meist gestrichene C-Dur-Duett, um Zerlinas Stärke auszubauen: Sie fesselt den Diener des nur halbheimlich vergötterten Giovanni an einen Stuhl. Befreit wird Leporello ausgerechnet von Masetto, der sich wiederum gern den Mantel des Verführers umgelegt hatte. Wo sonst oft die Handlung stockt, sind hier subtile Querverweise zu entdecken.

Die Herren der Besetzung überragen die Damen. Björn Bürger, erst seit Kurzem im Frankfurter Ensemble, entwickelt sich prächtig. Sein Masetto lässt den Giovanni ahnen. Für 2016 ist er in Glyndebourne als Barbier von Sevilla gebucht – kein Experiment, sondern ein klarer Weg. Robert Lloyd, quasi der englische Kurt Moll, hat als Komtur noch immer Format. Simon Bailey ist ein stimmlich flexibler Leporello, dem allerdings die im zweiten Akt vielgeforderte tiefe Lage fehlt. Juanita Lascarro als Elvira kann man dagegen nur noch als Notlösung bezeichnen (Koloraturen in «Ah fuggi traditor»!); Grazia Doronzio gelingt es nicht, die szenisch vielfältige Anlage der Zerlina in Stimmklang zu übersetzen. Brenda Rae, die Donna Anna, verfügt über schöne Piani, von denen sie vielfach Gebrauch macht. Freilich bedeutet Piano bei dieser Stimme keine Steigerung an Intensität und Ausdruck, sondern eine Art Flucht. In stärkeren dynamischen Regionen wirkt sie durchschnittlich.

Sebastian Weigle am Pult des Opern- und Museumsorchesters versuchte die Quadratur des Kreises, vielleicht auch: es allen Recht zu machen. Historisch informiert sollte es sein, wie am transparenten Klangbild, schroffen Akzenten und einer Auflichtung des Stimmengeflechts (schon die bohrenden Bass-Punktierungen des Einleitungs-Andantes kamen gut heraus), Hammerklavier und ­diversen Verzierungen der Sänger erkennbar. Andererseits scheint er romantischem Überschwang nicht abgeneigt (darin manchem Verweis der Inszenierung entsprechend). Auch der musikalische Kontakt zur Bühne blieb merkwürdig ambivalent: Mitunter fehlte es an Feinheiten der Koordination, dafür waren die Tempi in sich wohlproportioniert und gaben den Singstimmen stets Gelegenheit, sich bestmöglich zu entfalten.    
 

Mozart: Don Giovanni

Frankfurt
Premiere am 11. Mai 2014

Musikalische Leitung: Sebastian Weigle
Inszenierung: Christof Loy
Bühne: Johannes Leiacker
Kostüme: Ursula Renzenbrink
Chor: Markus Ehmann
Solisten: Christian Gerhaher (Don Giovanni), Simon Bailey (Leporello), Brenda Rae (Donna Anna), Juanita Lascarro (Donna Elvira), Martin Mitterrutzner (Don Ottavio), Grazia Doronzio (Zerlina), Björn Bürger (Masetto), Robert Lloyd (Komtur)

www.oper-frankfurt.de


Stephan Mösch / opernwelt / Seite 12 / Juli 2014

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