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Panorama

Sandkastenspiele
Foto: Ilja Mess
Cherubini: Médée Ulm / Theater

Auch wenn jeder Opernfreund Cherubinis «Médée» in der Interpretation von Maria Callas kennt – man hat doch relativ selten die Gelegenheit, dem Werk auf der Bühne zu begegnen. Noch dazu in der französischen Originalfassung! Für ein kleines Theater wie in Ulm erfordert es Neugier und Mut, das auf den Spielplan zu setzen. Ungewohntes Repertoire verträgt, zumal in der Provinz, Behutsamkeit im Szenischen: Der mit dem Haus vertraute Gastregisseur Igor Folwill setzte auf einen (auch in der Choreografie) klassizistischen Darstellungsstil, der mit vorsichtigen Modernismen verfremdet wurde.  

«Jason, ich fordere meine Kinder», steht wie mit Blut geschrieben auf einem transparenten Zwischenvorhang. Und diese Kinder sieht man schon beim Einlass in einem großen Sandkasten spielen, der sich im Zentrum der Bühne (Hartmut Holz) befindet und durch Flutlicht-Scheinwerfer wie eine Arena angestrahlt ist. Was sich dann drei Akte lang rund um diesen Sandkasten abspielt, liegt auch näher beim Kindertheater als bei der antiken Tragödie. Man kann sie nicht wirklich ernst nehmen, die Herren, die da furchtbare Drohungen gegen Médée ausstoßen: den alternden und albern herumtänzelnden Playboy Jason und den nur durch eine Kinderkrone aus der Schar seiner uniformierten Pappkameraden herausragenden König Créon.

Und wenn dann Médée die Szene betritt, in feuerrotem Gewand und ebensolcher Hochfrisur als dämonische Zauberin ausgewiesen, dann wird der naive Zuschauer mehr von Mitleid als von Furcht erfasst. Diese Frau ist offensichtlich psychisch gestört, doch dass sie ihre Kinder umbringt, traut man ihr nicht zu. Es sind am Ende auch nur zwei Stoffpuppen, die sie ihrem treulosen Gatten vor die Füße wirft. Alles war ein Spiel, was sonst? Mit dieser tröstlichen Gewissheit wird das Publikum entlassen. Es dankte dafür in der Premiere mit überaus herzlichem Applaus.

Der Beifall galt aber auch und vor allem einer musikalischen Leistung, die nur wenige Wünsche offen ließ. Erstmals wurde die Oper mit den von Alan Curtis nachkomponierten Rezitativen gespielt, die sich gegenüber der früher gebräuchlichen Fassung Franz Lachners durch stringente Knappheit und größere stilistische Nähe zu Cherubini auszeichnet: eine brauchbare Alternative für die originale Dialogfassung.

Die Ulmer Philharmoniker unter Daniel Montané poltern recht grob in die Ouvertüre hinein, neigen auch im Vorspiel zum dritten Akt eher zum al fresco-Musizieren, erweisen sich in der Begleitung der Szene aber als geschmeidig und sensibel, vor allem bei den Bläsersoli gibt es auch Subtiles zu bewundern. Und es ist erfreulich, dass man das auch von den Sängern sagen kann.

Oxana Arkaeva ist in der Titelrolle trotz ihres Outfits keine antike Rachefurie, sondern vor allem eine verletzliche und tief verletzte Frau; sie überzieht im Gesang ihre Mittel nicht, sondern beeindruckt durch Legato- und Piano-Kultur und ein feines Gespür für die Valeurs der französischen Sprache. Auch ihre Kolleginnen erfreuen mit differenzierten vokalen Leistungen, die beiden stimmschönen Choristinnen Helen Willis und Evelyn Manja ebenso wie die anmutige Edith Lorans als Dircé und vor allem I Chiao Shih mit warm strömendem Mezzo als Néris. Ihre große Arie ist ein musikalischer Höhepunkt des Abends. Gilles Ragon überzeugt als Jason mehr durch Stilsicherheit als durch tenoralen Glanz. Unauffällig auch im Stimmlichen bleibt der Créon von Tomasz Kaluzny.   


Cherubini: Médée
Premiere am 5. Februar 2015

Musikalische Leitung: Daniel Montané
Inszenierung: Igor Folwill
Bühne: Hartmut Holz
Kostüme: Angela C. Schuett
Solisten: Oxana Arkaeva (Médée), Gilles Ragon (Jason), I Chiao Shih (Néris), Tomasz Kaluzny (Créon), Edith Lorans (Dircé), Helen Willis, Evelyn Manja (Zwei Frauen aus Dircés Gefolge), J. Emanuel Pichler (Ein Chorführer)

www.theater.ulm.de


Ekkehard Pluta / opernwelt / Seite 44 / April 2015

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