Eine Schöne Magelone mit Philippe Jaroussky oder eine Dichterliebe mit Max Emanuel Cencic? Das möchte man sich lieber nicht vorstellen. Das Manieristische, Maskenhafte, Outrierte eines an der Barockoper geschulten Vokalstils, die penibel einstudierten, inszenierten Posen passen nicht zum Herzweltschmerz der Romantik. Den Affekthaushalt des gepuderten Rokoko-Theaters mag das exaltierte Spiel befeuern wie die kreischende Lust an der Extravaganz einen Tuntenball. Doch später, wenn Werther brennt und blaue Blumen blühen, fließen die Gefühle ohne verzierte Gesten über. Seit Gluck und Haydn ist nun einmal das Unmittelbare, Unverstellte, die edle Einfalt der ins Offene drängenden Seele Inbegriff des Ausdrucks.
Das Aufbegehren gegen die Herrschaft des Artifiziellen gehört zum Wesen der postbarocken Arien- und Liedkunst. Wer das aus dem Auge verliert, verfehlt etwas Entscheidendes: die Aura einer von innen glühenden, natürlichen Sinnlichkeit. Der Countertenor Jochen Kowalski ist vor Jahren an der Schönen Müllerin gescheitert, weil er Schubert mit dem Segen Händels sang. Hurtig hüpfte er da über Stock und Stein, ein Springinsfeld, den kein Tränenbächlein betrübte. Das klang unverschämt frisch damals, exotisch, aber eben auch verfehlt – Licht ohne Schatten, Wirkung ohne Ursache. Es hat seinen Grund, dass die meisten Falsettisten die Finger vom romantischen Lied lassen.
Nun traute sich einer auf dieses Terrain, von dem man das kaum mehr erwartet hätte: Andreas Scholl. Deutschlands berühmtester Counter hat zwar schon Studioausflüge in Folk- und Pop-Sphären unternommen, doch eine CD, die Lieder von Schubert und Brahms ins Zentrum rückt – das schien dem ehemaligen Chorknaben lange zu riskant. Wenn man an Skrupeln wachsen kann, dann liefern die 19 Stücke des neuen Recitals «Wanderer» den Beweis: So rein, so poetisch, so betörend hat noch keine hohe Männerstimme von Sehnsucht und Lust, stiller Nacht und Tod erzählt. Scholl, man hört es hier nicht nur in den bei Haydn und Mozart ausgewählten Liedern, liegt die introvertierte, behutsam tastende Suche nach den wechselnden Stimmungen, dem jeweiligen Bedeutungskern dieser Miniaturen. Er taucht in sie ein, um in ihnen zu verschwinden. Man könnte auch sagen: Scholl tritt als Interpret ganz hinter die Werke zurück, sie sollen für sich sprechen – schlicht und einfach, lebensnah, direkt.
Das Geheimnis dieser scheinbar naiven Haltung ist eine immer wieder neu justierte schwebende Balance zwischen Intuition und Formbewusstsein, perfekter (Atem-)Technik und textgebundenem Ausdruck. Mozarts Abendempfindung etwa gelingt als berührende Elegie, Schuberts Der Tod und das Mädchen als abgründiges Minidrama, in dem Scholl den Auftritt des Todes mit aschfahlen Baritontönen beschreibt – und damit nicht zuletzt auf die Grenzen des eigenen, vor-romantischen Stimmtypus verweist. Gleichwie: Künstlich klingt in diesem nach Haydns (englischsprachigem) Wanderer benannten Recital gar nichts. Alles, auch der lyrisch-folkloristische Zungenschlag der Brahms-Lieder, entsteht und vergeht wie von selbst, frei strömend, in schönstem legato. Die israelische Pianistin Tamar Halperin begleitet mit dezenten Pastelltönen und steuert Schuberts h-Moll-Walzer op. 18,6 und Brahms A-Dur-Intermezzo op. 118,2 bei.
Andreas Scholl: Wanderer
Tamar Halperin (Klavier).
Decca 4784696 (CD); AD: 2012