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Bilanz des Jahres

Starke Teams oder: Was bleibt von 2012/13?
Die Bilanz der Spielzeit im Urteil von 50 Kritikern

Eine aufregende und in sich vielfältige Spielzeit war das. Was sie von anderen unterscheidet ist, dass sich die Kritikervoten unserer Umfrage bei einigen zentralen Aufführungen verdichten. Es sind Aufführungen, die über sich hinausweisen und in verschiedenen Rubriken genannt werden. Mit anderen Worten: Wo in der Oper und für die Oper Kräfte gebündelt werden, entsteht Besonderes. Das klingt banal, ist im Opernalltag aber eher selten. In der Regel stehen doch herausragende Sängerinnen und Sänger in eher belanglosen Inszenierungen herum. Oder herausragenden szenischen Deutungen fehlt die musikalische Beglaubigung. Oft schwankt die Qualität auch innerhalb der Besetzung. Oder es klaffen Niveauunterschiede zwischen Regie und Ausstattung. Uraufführungen, die als Stücke spannend sind, müssen nicht gut besetzt sein. Und umgekehrt. Dasselbe gilt für Wiederentdeckungen. In der Saison 2012/2013, wie sie sich in dieser Umfrage abbildet, sind solche Fälle relativ selten gewesen. Stärker rückt die gemeinsame Anstrengung in den Vordergrund. Dazu gehört kluge, langfristige Planung ebenso wie eine Aufführungsästhetik, die nicht diktiert wird, sondern sich aus verschiedenen Quellen speist. Dass es eine ganze Reihe solcher Produktionen gab, ist die beste Nachricht – und ein Triumph für das Musiktheater.

Die Rubrik Uraufführung des Jahres zeigt die Tendenz besonders deutlich. George Benjamins «Written on Skin», erstmals in Aix-en-Provence vorgestellt und dann europaweit auf Tour, hat nicht nur als Stück begeistert, sondern auch durch die Geschlossenheit der Aufführung (Inszenierung: Katie Mitchell) und nicht zuletzt durch eine herausragende Besetzung. So wurde Barbara Hannigan unter anderem für ihre Verkörperung der Agnès zur Sängerin des Jahres gewählt: eine Sopranistin, die ihre Stimme als Teil des Körpers auslebt und sich keine Grenzen setzt. Die gleiche Anzahl an Voten wie «Written on Skin» erhielt Mieczyslaw Weinbergs «Der Idiot» am Nationaltheater Mannheim. Eine Uraufführung der besonderen Art. Der aus Polen stammende jüdische Komponist hat sein großes und zentrales Werk nur einmal und in einer verstümmelten Fassung hören können. Mannheim spielte es erstmals komplett – und errang damit einen Triumph, nicht zuletzt für Weinberg. Die Aufführung wurde übrigens geplant, bevor Bregenz mit «Die Passagierin» erstmals in breitem Rahmen auf ihn aufmerksam machte. Das Mannheimer Nationaltheater steht in der Rubrik «Opernhaus des Jahres» auf Platz zwei: ein Erfolg vor allem für Klaus-Peter Kehr, einen Opernintendanten, der das ästhetische Experiment geschickt im Spielplan verankert −  sei es durch den Rückblick auf die alte Mannheimer Schule oder in enger Zusammenarbeit mit Komponistinnen und Komponisten von heute.

Der Titel Opernhaus des Jahres geht freilich an die Komische Oper Berlin: zum zweiten Mal in ihrer Geschichte und gleich für die erste Spielzeit des neuen Intendanten Barrie Kosky. Vor allem «Die Zauberflöte», mit Bildern geradezu überschüttet vom Film-Animationsteam «1927», hat viele Kritiker begeistert: ein Blick zurück in die Ära des Stummfilms und doch auch ein Andocken an die mediale Gegenwart. Dafür gibt es den Titel Bühnenbild des Jahres, obwohl oder gerade weil es sich im strengen Sinn gar nicht um ein Bühnenbild handelt, sondern um permanente digitale Perspektivwechsel im Stil alter Cartoon-Geschichten. Vor allem aber steht die Aufführung für den neuen Geist des Hauses: temporeich, spielerisch, unterhaltsam. Der ebenfalls in mehreren Rubriken genannte Monteverdi-Zyklus bestätigt diese Richtung ebenso wie Paul Abrahams «Ball im Savoy», vorgeführt als große Revue. Die Gegensätze sind offenkundig: Größer als zwischen Barrie Koskys wirbelnder Fülle in Berlin und Klaus-Peter Kehrs nachdenklichem Insistieren in Mannheim können sie kaum sein. Zwei Wege, höchst erfolgreich Musiktheater zu denken und zu machen. Deshalb haben wir in diesem Jahrbuch sowohl der Komischen Oper als auch dem Mannheimer Nationaltheater eigene Beiträge gewidmet.

Dass die Aufführung des Jahres von der Regisseurin des Jahres inszeniert wurde, ist kein Zufall: Tajana Gürbacas «Parsifal» an der Vlaamse Opera in Antwerpen/Gent ist erstens das Ergebnis einer Gemeinschaftsarbeit, die ein ausgewogenes, eingespieltes Leitungsteam ebenso voraussetzt wie starke, sich individuell einbringende und doch aus dem Zusammenhang heraus handelnde Sänger. Zweitens ist diese «Parsifal»-Deutung geprägt durch beharrliche Konzentration auf die gedankliche Substanz des Stückes, was die Musik engstens einbezieht. (Nicht zufällig wurde auch Dirigent Eliahu Inbal nominiert.) Diesen Zugang hat Gürbaca in der vergangenen Saison auch bei «Rigoletto» in Zürich und bei «Macbeth» in Mainz gesucht und gefunden: ein hellhöriges Theater, das vieles weglässt, auf wenige optische Zeichen setzt, aus diesen aber eine überraschende Vielfalt gewinnt. 

Gemeinschaftsarbeit auch in Chemnitz: Sowohl für den (ehemaligen, jetzt in Bonn tätigen) Intendanten Bernhard Helmich als auch für GMD Frank Beermann war die Urfassung von Giacomo Meyerbeers «L’Africaine» ein Herzensanliegen. Unter dem von Meyerbeer ursprünglich vorgesehenen Titel «Vasco de Gama» war nicht nur ein ganz neues Stück zu erleben. Die kompositorische Grammatik Meyerbeers, ihre Logik, ihr Filigran, ihre subtilen Brüche, ihr Klangfarbenzauber, das alles kommt erst zur Geltung, wenn das Stück in seinen originalen Proportionen aufgeführt wird. So sorgte Chemnitz für die Wiederentdeckung des Jahres, hatte zudem ein ausgezeichnetes Ensemble aufgeboten, das die heiklen, zwischen tradiertem Belcanto und moderner Kraftentfaltung schwankenden Partien bravourös bewältigte.

Und noch einmal Gemeinschaftsarbeit: An der Deutschen Oper Berlin wählte der neue Intendant Dietmar Schwarz als Einstieg Helmut Lachenmanns «Mädchen mit den Schwefelhölzern». Ein Kraftakt für das Haus, zumal die Hauptbühne wegen technischer Überholung gar nicht zur Verfügung stand und die Aufführung auf der Vorderbühne stattfinden musste. Was sich Regisseur David Hermann dazu einfallen ließ. fand durchaus Widerspruch. Dirigent Lothar Zagrosek jedoch wurde zum Dirigenten des Jahres gewählt. Die Voten für ihn sind sicherlich auch als Anerkennung für Chor und Orchester der Deutschen Oper zu lesen. Die Aufführungen waren übrigens hervorragend besucht, die letzten ausverkauft – viele Interessierte mussten nach Hause geschickt werden.

Ein Haus, in dem der Gemeinschaftssinn unter der gegenwärtigen Leitung viel zählt, ist die Staatsoper Stuttgart. Ihre Wiederentdeckung von Edison Denisovs «Der Schaum der Tage» wurde vielfach nominiert, teils als gesamte Produktion, teils als Wiederentdeckung, teils wegen des Regieteams Jossi Wieler/Sergio Morabito. Für einen Titel reichte es nicht. Den hat aber Diana Haller. Die aus Kroatien stammende Mezzosopranistin gehört seit der Spielzeit 2010/11 zum Stuttgarter Ensemble und wurde zur Nachwuchssängerin des Jahres gewählt. Von kleinen Rollen hat sie sich inzwischen zur Cenerentola hochgesungen – und damit ihren Durchbruch erlebt. 2012 gewann sie den ersten Preis beim Internationalen Wettbewerb für Liedkunst der Hugo Wolf Akademie. Betreut wird sie übrigens von Brigitte Fassbaender.

Zum Nachwuchs gehört im Grunde auch (noch) die 1979 in Koblenz geborene Kostümbildnerin Victoria Behr. Sie ist längst freischaffend, lebt in Berlin und hat in der vergangenen Saison mehrfach für das Musiktheater gearbeitet: Sowohl für ihre Kostüme für «Frau Luna» an der Berliner Volksbühne als auch für Peter Eötvös’ «Drei Schwestern» in Zürich wurde sie nominiert und ist damit Kostümbildnerin des Jahres.

Zum Orchester des Jahres wurde die Staatskapelle Dresden gewählt, deren künstlerische Ehe mit Christian Thielemann somit vielversprechend begann – und das nicht nur beim Wagner-Repertoire. Der Titel Chor des Jahres geht in die Schweiz: Vor allem für seine (szenische) Produktion von Brittens «War Requiem» wurde der Chor des Theaters Basel gewählt (Dirigent: Gabriel Feltz, Inszenierung: Calixto Bieito).

Das Buch des Jahres schrieb Holger Noltze. Der Journalist und Hochschullehrer hat, ausgehend vom Phänomen des Liebestodes, über Verdi und Wagner nachgedacht und die Brücke von deren Ästhetik zum heutigen Hörer und Zuschauer geschlagen (Verlag Hoffmann & Campe).

Für die CD des Jahres sorgt Cecilia Bartoli. Lange hat sie sich für die Erarbeitung von Bellinis Norma Zeit gelassen. Das Rollendebüt fand 2010 konzertant in Dortmund statt (unter Leitung von Thomas Hengelbrock). Bei den Salzburger Pfingstfestspielen 2013 wagte sich Bartoli erstmals mit der komplexen Rolle auf die Bühne. Dazwischen entstand die Gesamtaufnahme unter Giovanni Antonini (Decca).

Und worüber haben sich die befragten 50 Kritiker geärgert? Häufig genannt wird die voreilige Absage der Händel-Festspiele in Halle per Anweisung durch die Politik. Überhaupt sorgt die Kulturpolitik in den neuen Bundesländern für Missstimmung. Der Titel Ärgernis des Jahres gilt jedoch einem anderen Phänomen: Zunehmend tauchen wieder Braunhemden, Hakenkreuzbinden und Gaskammern in Inszenierungen auf. Meist geht die Ausstellung des Bösen auf der Opernbühne jedoch schief und wird zur Banalität des Blöden. Was man erlebt, sind keine klug-hermeneutischen Deutungen, sondern hilflos-peinliche Regie-Behauptungen. Wie zum Beispiel beim «Tannhäuser» in Düsseldorf (Inszenierung: Burkhard C. Kosminski). Besonders schlimm, wenn – wie jetzt in der Deutschen Oper am Rhein – das Konzept erst gebilligt und umgesetzt, die Produktion dann aber nach Publikumsprotesten schnell abgesetzt wird. Nicht nur der Regisseur hat da versagt, sondern auch die Intendanz.

Wie in jedem Jahr gilt: Diese Umfrage ist zum Lesen da. Sie soll die Vielfalt der zurückliegenden Spielzeit zeigen. Deshalb drucken wir die Voten aller 50 beteiligten Kritiker und nicht nur die Ergebnisse. Erst aus den vielen Einzelmeinungen ergibt sich, was 2012/13 wichtig war, was missglückt ist und was in die Zukunft reicht.

Stephan Mösch, Albrecht Thiemann


/ opernwelt / Seite 96 / Jahrbuch 2013

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