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Bilanz des Jahres

Ensemblekultur oder: Was bleibt von 2014/15
Die Bilanz der Spielzeit im Urteil von 50 Kritikern

Verschiedener könnten sie kaum sein. Ruhig, zurückhaltend, geradezu wortkarg der eine. Wenn er spricht, dann meist in elliptischen Sätzen, die Fährten legen ins Freie. Hinaus ins Land, wo Fantasie und Spiel blühn. In einen Kosmos, der seit bald 50 Jahren sein Zuhause ist. Weil er ihn jeden Tag überrascht, inspiriert, in Bewegung hält. Vital, mitteilsam, geradezu wortverliebt der andere. Wenn er erzählt, dann meist in weiten Bögen, selbstbewusst und selbstironisch das Terrain absteckend, das er seit 25 Jahren immer wieder neu für sich (er)findet.

Wer Klaus-Peter Kehr und Bernd Loebe im Dialog erlebt, spürt freilich bald, dass ihre scheinbar inkompatiblen Temperamente mehr verbindet, als auf den ersten Blick zu erkennen ist: eine Geistesverwandtschaft, die zentrale Aspekte ihres Denkens und Handelns betrifft. Die Überzeugung etwa, dass Qualität und Vielfalt eines Spielplans weniger von am Schreibtisch ausgeklügelter Programmatik als von der Haltung der Menschen abhängen, die auf und hinter der Bühne für sie einstehen. Für den Mannheimer wie für den Frankfurter Intendanten ist das der Ausgangspunkt aller Überlegungen. Beide legen deshalb höchsten Wert auf die stete Entwicklung und Stärkung der hauseigenen Ensembles. Beide fordern «ihre» Solisten, Choristen und Musiker regelmäßig mit Stücken, die diese nie zuvor gemacht haben, mit Uraufführungen und aus dem Fundus Befreitem. Weil sie überzeugt sind, dass man vor allem an der Auseinandersetzung mit Unbekanntem wächst. Beide wissen aus langer Erfahrung, dass motivierte Mitarbeiter, quer durch alle Gewerke und Abteilungen, jenes Kraftwerk bilden, das einem Haus die Energie zuführt und seine Aura prägt. Und dass dabei schrankenlose Kommunikation, Ansprechbarkeit, Präsenz die besten Mittel sind, um einem Spannungsabfall vorzubeugen.

Am Nationaltheater Mannheim und an der Oper Frankfurt gehören diese Tugenden seit vielen Jahren zur mentalen Grundausstattung. Und sorgen ein ums andere Mal dafür, dass vermeintlich Unmögliches sinnliche Wirklichkeit wird. So steht das Opernhaus des Jahres diesmal in zwei Städten. Schon einmal, 2007, ging aus unserer Umfrage eine Doppelspitze hervor. Während damals nicht zuletzt eine zu Ende gegangene Ära (die mutige Bremer Intendanz von Klaus Pierwoß) und eine künstlerische Wende (die von Andreas Homoki eingeleitete Neuausrichtung der Komischen Oper Berlin) honoriert wurden, lässt sich die aktuelle Wahl als Bestätigung einer konsequenten Aufbau- und Ensemblearbeit in statu operandi verstehen. Ein Round Table mit den Masterminds dieser Erfolgsgeschichten und eine kritische Rückschau auf den künstlerischen Ertrag der zurückliegenden Mannheimer und Frankfurter Saison beleuchten die Hintergründe (ab Seite 4).

Und es geht weiter: Klaus-Peter Kehr, inzwischen 75 Jahre jung, bekennt am Nationaltheater bis 2016 noch einmal mit einer Spielzeit Farbe, deren Premierenhorizont von Mozarts «Idomeneo» über Rossinis «Tancredi» bis zu Henzes «Bassariden» und einer neuen, auf ein Video-Libretto geschriebenen «Golem»-Oper von Bernhard Lang reicht. Ein Wiedersehen gibt es zudem mit Highlights der vergangenen Jahre – etwa mit der von Achim Freyer realisierten «Medée» Cherubinis (die mit erhobener Faust vom Titel des Jahrbuchs «Oper 2006» schaute), mit Freyers archaisch-anarchischem «Ring»-Weltzirkus sowie mit Salvatore Sciarrinos «Superflumina», uraufgeführt im Mai 2011. Damals hatte Bernd Loebe, dessen Haus es nach 2003 zum zweiten Mal nach ganz vorn geschafft hat, an der Oper Frankfurt fast zeitgleich eine Neuproduktion von Sciarrinos «Luci mie traditrici» herausgebracht. Auch mit seinem für 2015/16 konzipierten Programm hält er Kurs zwischen Innovation und Tradition: Auf Helmut Lachenmanns «Mädchen mit den Schwefelhölzern» folgt Glinkas «Iwan Sussanin», Händels Erstling für die Londoner Royal Academy of Music («Radamisto») steht neben Verdi-Raritäten («Stiffelio», «Oberto»), Bergs «Wozzeck» trifft auf Schönbergs «Pierrot Lunaire» und ein neues Stück des Manfred-Trojahn-Schülers Michael Langemann. Geduld, Beharrlichkeit, Risikofreude, leibhaftig vorgelebt – das zieht nicht zuletzt beim Publikum.

Kein Zufall, dass auch die Uraufführung des Jahres aus einem «Opernhaus des Jahres» kommt: die Groteske «Esame di mezzanotte» der italienischen Komponistin Lucia Ronchetti. Ein hochintelligentes, spielerisches, witziges Stück über ein brandaktuelles Thema – die Angst (und die Gefahr), dass wir unser kulturelles Gedächtnis verlieren. Ein Abend, der am Mannheimer Nationaltheater auf Anhieb zündete. Der Mentor im Hintergrund: Klaus-Peter Kehr. Er begleitete das Projekt von den ersten Ideen bis zur Bühnenreife. Aufsehen erregte ferner Beat Furrers im Auftrag der Hamburgischen Staatsoper entstandene Künstleroper «la bianca notte», mit der sich Simone Young als Intendantin und Generalmusikdirektorin von der Alster verabschiedete. Pascal Dusapin griff mit seiner am Brüsseler Théâtre Royal La Monnaie präsentierten Kleist-Oper «Penthesilea» abermals zu einem Riesenstoff. Drei kompositorische Stimmen, denen wir drei Porträts widmen (ab Seite 42).

Auch dies ist ein Ergebnis unserer jüngsten Umfrage: Betrachtet man die Voten quer durch alle Kategorien, so ist die Oper Stuttgart das dritte Haus, das in der vergangenen Spielzeit besonders beeindruckte. Auch hier bescherte hohe Ensemblekultur, findige Stückauswahl, Neugier auf verschüttete Schichten der eigenen Historie und intensive philologische Arbeit reiche Ernte. Intendant Jossi Wieler und Chefdramaturg Sergio Morabito etwa sorgten – nach einem konzertanten Vorlauf unter Frieder Bernius 1997 – für die erste szenische Realisierung eines seit Mitte des 18. Jahrhunderts von der Bühne verschwundenen Hauptwerks des Stuttgarter Hofkapellmeisters Niccolò Jommelli: «Berenike, Königin von Armenien» alias «Il Vologeso». Das Material wurde akribisch überprüft und neu eingerichtet, am Pult kitzelte Gabriele Ferro den Furor der Partitur mit unorthodoxer Zeichengebung hervor (siehe OW 2/2015 und 4/2015): Es ist die Wiederentdeckung des Jahres. Und zwei weitere Titel gehen nach Stuttgart: Andrea Breths im Wortsinn wahn-sinnige, auf der großen Bühne gespenstisch zugespitzte Deutung von «Jakob Lenz», der Kammeroper des 26-jährigen Wolfgang Rihm, wurde zur Aufführung des Jahres gewählt (Seite 28). In Georg Nigl hatte die Regisseurin einen Sängerdarsteller, der sich dem ausweglosen Alpdruck, den inneren Schrecken der Titelfigur mit schonungsloser Intensität auslieferte. Den Sänger des Jahres haben wir ausführlich in einem Interview (siehe OW 9-10/2014) und unserer Würdigung des Stuttgarter «Jakob Lenz» (OW 12/2014) vorgestellt.

Auch die Sängerin des Jahres fasziniert auf der Bühne durch rückhaltlose Hingabe. Ihre neunte Lulu durchlebte Marlis Petersen in der kühlen Inszenierung Dmitri Tcherniakovs an der Bayerischen Staatsoper – und wieder war es, als ob sie sich die Rolle vom Nullpunkt aus erobert hätte. Ganz leer mache sie sich vor jeder neuen Produktion, erzählt die Sopranistin im Interview (Seite 34). Den Titel gewinnt sie zum dritten Mal nach 2004 und 2010. Singen ohne Spielen? Für die baskische Koloratursopranistin Elena Sancho Pereg, seit 2014 Ensemblemitglied der Rheinoper Düsseldorf/ Duisburg, ist das undenkbar. Als kokettes, Rad schlagendes Springteufelchen mit geläufiger Gurgel legte sie an ihrem neuen Stammhaus eine Zerbinetta hin, die alle in den Bann schlug, die dabei waren – und die ihr das Prädikat Nachwuchssängerin des Jahres eintrug (Seite 130).

Der Titel Regisseur des Jahres geht – zum dritten Mal nach 2005 und 2008 – an
einen alten Bekannten, der seit vier Jahrzehnten mit nie nachlassender Deutungslust in Wort und Klang beschlossene Wahrheiten über die conditio humana ans Licht bringt: Hans Neuenfels. Zuletzt mit «Manon Lescaut», seiner ersten Puccini-Arbeit, in München und mit «Ariadne auf Naxos» in Berlin. Dirigent des Jahres ist – wie 2007, 2009 und 2014 – Kirill Petrenko, diesmal vor allem für seine skrupulöse, Genauigkeit mit hinreißender Spontaneität verbindende Arbeit mit dem Bayerischen Staatsorchester, das, knapp vor der Berliner Staatskapelle, Orchester des Jahres wurde. Der Titel Chor des Jahres geht zum zweiten Mal (nach 2007) an die Komische Oper Berlin: Virtuoser Körpereinsatz, musikantischer Esprit, klangliche Plastizität – verstärkt durch das Vocalconsort Berlin war der Chor das atemraubend pochende Herz der von Barrie Kosky inszenierten «Moses und Aron»-Produktion im Haus an der Behrenstraße (Seite 114).

Für den multiperspektivisch gesplitteten, vom Stummfilmexpressionismus der 20er-Jahre inspirierten Guckkasten der «Cavalleria rusticana» und «Pagliacci» in Salzburgs Großem Festspielhaus geht Philipp Stölzl zum ersten Mal als Bühnenbilder des Jahres aus unserer Umfrage hervor (Seite 122). Die traumhaft bunte, zwischen absurd und schrill changierende Ausstattung für Lydia Steiers Inszenierung von Pascal Dusapins «Perelà» in Mainz bescherte Gianluca Falaschi den Titel Kostümbildner des Jahres (Foto: Heftrückseite). Das Buch des Jahres hat Christian Gerhaher mit dem von Vera Baur editierten Gesprächsband «Halb Worte sind’s, halb Melodie» (Henschel/Bärenreiter) beigesteuert. Und Teodor Currentzis liegt auch mit der zweiten Hochtemperatur-Lieferung seines Mozart/Da Ponte-Zyklus vorn: «Così fan tutte» ist (wie die «Figaro»-Einspielung im vergangenen Jahr) «CD des Jahres» (Sony Classical).

Als Ärgernis des Jahres empfanden die meisten Kritiker – neben Peter Steins Salzburger «Fierrabras»-Verharmlosung – die Fehlleistungen rund um den Bayreuther Festspielhügel: von der «Hausverbot»-Debatte um Eva Wagner-Pasquier bis zur undurchsichtigen last minute-Abberufung von Solisten, von der in einigen Medien – zum Teil mit zweifelhaften Untertönen betriebenen – Stilisierung Christian Thielemanns und Kirill Petrenkos zu Antipoden bis zu den Missständen in den Archiven.

Wie jedes Jahr gilt: Der ganze Horizont dieser Spielzeitbilanz wird erst sichtbar, wenn man die Urteile aller 50 Kritiker zur Kenntnis nimmt. Deshalb drucken wir die Voten komplett. Es ist die Mischung der Einzelstimmen, die dem Gesamtbild die besonderen Farben verleiht.    


Albrecht Thiemann / opernwelt / Seite 104 / Jahrbuch 2015

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