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Interview

«Lieber die starken Frauen»
Foto: Fadil Berisha
Männer spielen in ihrem Leben eine nicht unbedeutende Rolle. Da waren (und sind) zum einen die schicksalsträchtigen Begegnungen auf der Opernbühne, auf der Inva Mula vorwiegend tragische Heroinen verkörpert. Da waren Plácido ­Domingo und Riccardo Muti, die sie förderten, vor allem aber war es ihr Vater, der albanische Komponist Avni Mula, dem die Sopranistin wesentliche Inspirationen (und das Namensanagramm Inva) verdankt. Seitdem sie 1993 beim renommierten «Operalia»-Wettbewerb eine Auszeichnung erhielt, hat sich die ­Karriere der Sängerin kontinuierlich entwickelt. Wie sehr sie sich den Bühnenwerken des 19. Jahrhunderts verbunden fühlt, was ­Freiheit für sie bedeutet und wie sie die Unterschiede zwischen italienischem und französischem Repertoire sieht, ­erläutert Inva Mula im Gespräch mit Jürgen Otten.

Lieben Sie Maria Callas?

(lacht) Aber natürlich.

Und warum?

In erster Linie wegen ihrer starken Persönlichkeit. Sie war wirklich anders als alle anderen. Deswegen bin ich der Ansicht, dass wir in der Rückschau von einer Periode vor und nach  Maria Callas sprechen können. Sie war eben nicht nur Sängerin, sondern eine große Künstlerin auf der Bühne. Für mich ist sie ein Vorbild.

Was hat Maria Callas verändert?

Sie war eine Aktrice, die sang, und eben nicht nur eine Sängerin, die auf der Bühne stand, um schöne Klänge zu produzieren. Heute ist es weitaus wichtiger als damals, ein kompletter Künstler zu sein, sprich: nicht nur eine fabelhafte Stimme zu haben. Dieses Denken begann mit Maria Callas.

Kennen Sie ihre «Traviata»-Aufnahmen aus den Jahren 1951 mit Cesare Valletti, 1952 und 1955 mit Giuseppe di Stefano und 1956 an der Seite von Gianni Raimondi?

Natürlich. Sie sind sehr unterschiedlich. In meinen Anfängen war ich in jede von ihnen vernarrt. Ich habe überhaupt alles gehört, was ich mit Maria Callas kriegen konnte. Sogar diese Aufnahme aus der Lissabonner Oper, wo sie am Ende der Arie «Addio del passato» im dritten Akt wirklich nicht gut war. Wie sie dann auf die Frage reagierte, warum die Höhe unsauber gewesen sei und sie einen Ton nicht getroffen habe, das hat mir wieder imponiert – sie sagte, das Wichtigste in dem Moment, wo Violetta schon fast tot ist, sei nicht ein einzelner Ton, sondern der Ausdruck.

Glauben Sie, dass eine Künstlerin wie Maria Callas auch in unseren Tagen erfolgreich wäre? Die ästhetischen Anschauungen über das Singen selbst und die Darstellung einer Figur haben sich nachhaltig verändert.

Das mag sein. Aber eine Maria Callas wäre auch heute noch eine Sensation. Ihre Art des Singens ist nach wie vor sehr modern. Und was mich persönlich fasziniert, ist, dass sie nicht immer eine schöne Frau war, es aber wurde, um ein Star zu sein. Ich mag Künstler, die sich für ihre Kunst verändern.

Die Callas war definitiv eine Diva. Sind Sie auch eine?

Auf der Bühne: ja. Aber nicht im Leben. Dort bin ich eine Frau, eine Mutter, eine ganz normale Person. Ich liebe es aber sehr, mich auf der Bühne in eine Diva zu verwandeln, und ich bin überzeugt davon, dass es auch nötig ist, um das Publikum zu überzeugen. Die Leute gehen in die Oper, um gemeinsam mit uns zu träumen. Deswegen ist es unsere Mission, dort eine Diva zu sein. Außerhalb des Theaters, schon in der Garderobe, lege ich diese Rolle binnen Sekunden ab.

Geht das so schnell?

Ja. Ich verkörpere die Partie der Violetta seit zehn Jahren. Anfangs hat es mich ziemlich stark mitgenommen, inzwischen aber «spiele» ich diese schicksalsträchtige Frau sehr bewusst. Ich falle nicht mehr in ein emotionales Loch.

Verändert sich Ihr Blick auf Rollen wie Violetta, Lucia, Gilda, Mimì und Manon, die Sie seit Jahren singen, im Laufe der Zeit?

Ich habe, um ein Beispiel herauszugreifen, meine sehr persönlichen Vorstellungen von der Violetta; wie sie ist, was sie denkt, was sie ausmacht, was sie wie durchlebt. Aber dadurch, dass die Produktionen unterschiedlich sind, wechselt naturgemäß auch das Verständnis davon, wer sie in der jeweiligen Produktion ist.

Die meisten der Rollen, die Sie singen, stammen aus dem 19. Jahrhundert. Nun haben sich die Zeiten fundamental geändert. Drohen die alten Stücke ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren, werden sie womöglich gleichsam entzaubert von dem immer rasanter beschleunigten Lauf der Welt? Oder brauchen die Menschen gerade wegen dieses rasanten Fortschreitens den Blick zurück?

Eine interessante Frage. Nun leben wir mit dem Internet und all diesen erstaunlichen Dingen. Aber auf der Bühne imaginieren wir die andere, zurückliegende Zeit. Ich weiß nicht genau, warum die Menschen in die Oper gehen, um mit uns in diese ferne Epoche zu reisen. Aber fest steht: Das Publikum ist da. Das heißt, die Leute ziehen es vor, in eine Opernaufführung zu gehen und nicht ins Kino oder in die Kneipe. Also muss Oper etwas Besonderes ausstrahlen. Was den wachsenden Zeitunterschied angeht: Die Musik ist die gleiche, das heißt, ich singe immer die gleichen Sachen, aber eine Violetta, eine Mimì oder eine Gilda zu «spielen», ist etwas gänzlich anderes als früher. Dafür sorgen allein schon viele der interessanten Regisseure.

Mögen Sie das moderne Regietheater?

Das hängt davon ab, was Sie mit «modern» meinen. Wenn Sie damit meinen, dass ein
Regisseur Imaginationen kreiert, die über die Zeiten gültig sind, dann mag ich es.



Jürgen Otten / opernwelt / Seite 26 / August 2010

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