An Busonis 1925 uraufgeführte Faust-Oper, einen Meilenstein der musikdramatischen Moderne, haben sich kleinere Theater bis heute selten herangetraut. Insofern gebührt dem erfolgreichen Versuch, das ebenso grandiose wie sperrige Stück Musiktheater auf die Bühne des Flensburger Hauses zu bringen, hohe Anerkennung. Eine Vorreiterrolle, die – man hofft es für das Werk – nicht ohne Folgen bleiben wird.
Operndirektor Jan Richard Kehl bekommt das monumentale Dreistunden-Opus gut in den Griff, wobei er theatertechnisch auch die zu mancher Vereinfachung zwingenden Abstecherverpflichtungen ins norddeutsche Umland nicht aus den Augen verliert. Der vom Rundhorizont umschlossene, nach hinten durch eine Bühne auf der Bühne sich öffnende Einheitsraum (Entwurf: Andreas Wilkens) stellt, mit Requisiten leicht abwandelbar, eine abstrakte Version von Faustens Studierzimmer dar, wenn man so will eine Art Elfenbeinturm, in dem er die Episoden der Handlung – den Pakt mit dem Teufel, die Konfrontation mit Gretchens Bruder Valentin in der Kirche, die Geschehnisse am Hof von Parma, das Zusammensein mit den Studenten in der Schenke und das Ende in Wittenberg – durchlebt oder vielleicht auch nur imaginiert. Beleuchtungseffekte, pyrotechnische Tricks, Kostümwechsel, Schattenspiel, Zeitlupenchoreografie und raffiniertes Vertauschen von Personen tun das Ihrige, um die magisch-illusionistische Atmosphäre herbeizuzaubern, von der Faust und Mephisto umgeben sind. Auch die Gretchentragödie, von Busoni weitgehend ausgespart, ist in pantomimischer Andeutung präsent. Am Schluss aber – und das ist die eigentliche, die tiefe, die bewegende Aussage der Inszenierung – endet der Titelheld wieder dort, wo er angefangen hat: in totaler Resignation. Ganz gemäß dem von Philipp Jarnach ergänzten Schluss, der in seiner musikalischen Hoffnungslosigkeit nichts weiß von der – in Flensburg nicht umgesetzten – Szenenanweisung einer verjüngten Wiedergeburt Fausts, seines Aufbruchs zu neuem, auf eine positive Zukunft gerichteten Leben.
Homogen und auf erstaunlich hohem Niveau die Sängerbesetzung. An der Spitze Johannes Schwärsky als heldenbaritonal kraftvoller, stimmpotenter Faust von prägnanter Diktion, der als Einspringer sich die Mammutpartie innerhalb weniger Wochen angeeignet hatte. Ihm gleichgewichtig zur Seite Mati Turi als doppelgeschlechtlich schillernder Mephisto mit mal grell schneidendem, dann wieder schmeichelnd sü-
ßem Tenor. Daneben ein Ensemble ohne Ausfälle, aus dem der sonore Bass von Peter Schulz-Jaros (Wagner) und der expressive Kavalierbariton von Vincent Schirrmacher (des Mädchens Bruder, Herzog) hervorzuheben sind. Mit konzentriertem, dabei im Ausdruck durchaus nicht nur akademischem Spiel bewältigte das Orchester unter Mikhel Kütson die anspruchsvollen, aus dem Formenkanon der absoluten Musik gebauten instrumentalen Vor- und Zwischenspiele. Auch der Chor (Einstudierung: Bernd Stepputtis) wurde seiner über gewohnte Aufgaben des Opernalltags hinausgehenden Partie, etwa dem komplexen Gegeneinander von Te Deum und Lutherchoral in der Schenkenszene, mehr als nur achtunggebietend gerecht. Gleich zu Beginn der Saison also ein Höhepunkt im Premierenreigen der norddeutschen Opernhäuser.
Busoni: Doktor Faust.
Premiere am 12., besuchte Vorstellung am 15. September 2009. Musikalische Leitung: Mikhel Kütson, Inszenierung: Jan Richard Kehl, Bühne: Andreas Wilkens, Kostüme: Annette Braun, Chor: Bernd Stepputtis, Choreografie: Annett Scholwin. Solisten: Johannes Schwärsky (Doktor Faust), Peter Schulz-Jaros (Wagner), Mati Turi (Mephistopheles), Vincent Schirrmacher (Des Mädchens
Bruder/Herzog von Parma), Sylvia Wieland (Herzogin) u. a.