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Panorama

Keine Hoffnung, nirgends
Foto: Hans Jörg Michel
Basel, Janácek: Aus einem Totenhaus

Hinterm Eisernen Vorhang die Arbeitsbühne, grau in grau, Dekor gleich null. Einige spielen Fußball. Ein Autist setzt blickleer zögernd Schritt vor Schritt. Plötzlich rennt er los, immer im Kreis, scheint die Wellblechwand hoch zu wollen, springt gegen sie, bleibt liegen. Ein anderer wäscht sich im Wasser der großen Pfütze in der Mitte, immer wieder. Ge- und Beschädigte, mit der Zeit verrückt geworden. Der Sträflingspulk sammelt sich allmählich unter dem bühnenbreiten Doppeldecker, der sich am Ende – Ersatz für den verletzten und aufgepäppelten Adler des Librettos – in die Lüfte erhebt, dieweil der politische Gefangene nicht entlassen, sondern kaltblütig abgeknallt wird. Auch dieses Minimal-Happy-End kann es beim Regisseur Calixto Bieito nicht geben. Leos Janáceks «Aus einem Totenhaus» wird in Basel der letzte Hoffnungsschimmer genommen – in einer insgesamt starken Aufführung, die, wie nicht anders zu erwarten, nichts und niemanden schont.

Die Chorklischees des Kollektivauftritts, der etwas planlose Aktionismus mit kaum mehr verhohlenem Blick zum Dirigentenpult sind bald passé. Der Ernst der Situation beginnt die Optik zu bestimmen: die Beklemmung, der Schock, die Erschütterung angesichts dessen, was Menschen ihresgleichen anzutun in der Lage sind. Da sind auch bei Bieito all die Nicklichkeiten, die Schäbigkeiten, die Rempeleien. Und da ist, über den Buchstaben der Partitur hinaus, eine willkürliche Massenerschießung, die blutige sexuelle Gewalt, mit der sie den zarten, jungen Alej für alle Zeit zeichnen, indes auch das – gewiss leicht homoerotisch getönte – Mitleid, das der vornehme «Politische» dem Knaben entgegenbringt. Und auch sie gibt es bei dem katalanischen Regie-Realo: die verzweifelten Erinnerungen dieser Verbrecher, die zugleich arme Teufel sind, ihre Irrwitztänze, die grausige Lustigkeit ihres Theaterspiels am Festtag, die Obszönitäten, das Männergegrapsche, die – wohl immer und immer wiederholten – Erzählungen ihrer Unglückskarrieren, von denen sie nicht loskommen.
Wie etwa Skuratow sich in den Mord an seinem Nebenbuhler hineinsteigert und – auch sicher immer aufs Neue – transvestitisch in die stets mitgeführten Kleider seiner Geliebten schlüpft: Der exzellent deklamierende Tenor Rolf Romei vollzieht das atemberaubend nach. Von brennender Intensität auch der fast heldentenoral auftragende tschechische Gast
Ludovit Ludha als Filka/Luka oder der sich nach einem Jahrzehnt in Basel noch weiter profilierende Charaktertenor Karl-Heinz Brandt als Schapkin, dem die Folterer beinahe ein Ohr abgerissen hätten. In der abgründigen Ruhe seines Berichts vielleicht am eindrücklichsten, weil baritonal am differenziertesten: Claudio Otelli als Schischkow. Sie alle sind auch da, wo Bieito sich unterdessen gewollt oder ungewollt selbst zitiert (will sagen: fast automatisch nach immer denselben Mitteln greift) minuziös angeleitet und vom Ersten Basler Gastdirigenten, dem Stuttgarter Philharmonikerchef Gabriel Feltz, mit großer Hingabe gestützt.



Heinz W. Koch / opernwelt / Seite 38 / Januar 2010

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