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Medien/CDs/DVDs

Deutung und Design
Wagners «Ring» aus Valencia, inszeniert von La Fura dels Baus und dirigiert von Zubin Mehta auf DVD sowie aus Bayreuth unter Christian Thielemann auf CD

Natürlich traut sich niemand, die entscheidende Frage zu beantworten: Ist das die Zukunft der Oper? La Fura dels Baus hat Wagners «Ring» in Valencia nicht nur mit allen Schikanen modernster Technik auf die Bühne gebracht, sondern auch aus einer Ästhetik heraus geformt, die heutiger nicht sein kann (siehe OW 6/2007, 8/2008, 8/2009). Die «visuellen Codes der digitalen Ära», so Albrecht Thiemann in dieser Zeitschrift, fügen sich zu «einem konstruktiven, streckenweise virtuos eingesetzten Mittel des Erzählens». Auf zwölf fahr- und teilbaren Projektionsflächen flimmern pausenlos Pixelbilder. Die Auflösung ist bis zum Zwölffachen einer normalen DVD gesteigert. Franc Aleu sind einige soghafte Videoclips gelungen. Wotans Sturm übers schneebedeckte Hochgebirge zu Erda gehört dazu oder die Fahrt nach Nibelheim im «Rheingold». Immer wieder taucht die Weltkugel auf, als Objekt des Überflugs, als Feuerball, als Grafik. Kein Zweifel: Diesem «Ring» geht es nicht um aktualisierende Kinkerlitzchen, sondern ums Ganze.

La Fura (mit Carlus Padrissa an der Spitze) zeigt das Rheingold als riesigen Embryo. Alberich klaut die Genmasse und lässt Klone am Fließband produzieren. Dazu ermächtigt der Ring, den genau deshalb auch die Gibichungen wollen: verkommene Wallstreet Broker, Symbole aggressiver Konsumwelt und doch auch Comic-Figuren. Die Götter dagegen schweben auf von Kränen gesteuerten Kanzeln durch die Luft. Wie immer bei La Fura wird der Raum so weit ausgelotet, wie Technik und Finanzen es zulassen. Als wichtiges Element neben Videos, Installationen und den eher statischen Protagonisten kommt ein Bewegungschor dazu: Diese Fura-Artisten verbinden die Ebenen, und sie sorgen für die eindringlichsten Momente. Walhall als Menschen-Netz am Ende von «Rheingold» gehört dazu (das sich im Finale der «Götterdämmerung» wieder auflöst) oder die Speerbarriere, mit der Wotan Siegfried vom Walkürenfelsen abhalten will. Eindringlich sind diese Momente deshalb, weil hier durch Körper, Licht und Proxemik nicht nur erzählt, sondern auch gedeutet wird. Die Bilder schließen auf faszinierende Weise Subtext ein. Sie wissen und raunen, zeigen und verbergen – wie Wagners allmächtiges Orchester. Es gibt Passagen in diesem «Ring», in denen das Ganze wie eine 3-D-Animation wirkt, bei der Virtuelles mit Klang, Körpern und Farben verschmilzt. Kinetische Energie und räumliche Dimension der Musik gehen darin auf.

Es gibt aber auch viele Passagen, die solche Imaginationskraft nicht erreichen. Dann wirkt das Video-Geflimmer illustrativ (Siegfried singt von Vögeln, und schon flattern sie über den Horizont; beim Blutsbund zwischen Gunther und Siegfried schießen rote Fontänen spiegelsymmetrisch auf). Das kann bis zur Qualität eines Bildschirmschoners sinken. Naive Narration liefert sich in solchen Momenten ganz an die Leere des Cyberspace aus: Design statt Deutung. Dann fällt besonders auf, dass – wie meist bei La Fura – von Personenführung keine Rede sein kann. Die Sängerinnen und Sänger produzieren einfach nur Töne, ihre Gesten sind auch dort von vorgestern, wo die virtuellen Tableaux, Sturzfahrten und Zeitraffer uns nach Übermorgen entführen wollen. Hermeneutischer Hintersinn ist noch nie eine Sache von La Fura gewesen. Bei ihrem «Ring» allerdings bleibt das Gefälle des Niveaus besonders eklatant. Großartiges steht neben Trivialem, Innovatives neben Hilflosem. Ein intermediales Gesamtkunstwerk blitzt auf, aber es trägt auch Züge von Kunstgewerbe. «Rheingold», der zweite «Siegfried»-Akt, Teile der «Götterdämmerung» gelingen am besten: Mythos und Fantasy-Märchen fließen zusammen. «Die Walküre», in der es um menschliche Auseinandersetzungen geht, ist der große, oft unfreiwillig komische Durchhänger.



Stephan Mösch / opernwelt / Seite 26 / Februar 2010

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