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Wie viel Musik braucht der Mensch?

Wo er Recht hat, hat er Recht. «Man trifft im Leben», sagt Hans Neuenfels, «wenn man Glück hat, einige Lebende, die das Leben lebenswert machen. Doch glaube ich, die Zahl der Toten ist ungleich größer.» Zu diesen beneidenswert vitalen Toten gehören für Neuenfels all jene Komponisten, deren Musik ihn umtreibt. Und um diese Musik zu verstehen, trifft er sich gern mit ihnen. Mit Giuseppe Verdi zum Beispiel sitzt er gern beim Wein zusammen (wobei ausgerechnet derjenige moussiert, den der Meister aus Sant’ Agata mitbrachte). Und Verdi sagt dabei schöne Sachen: «Meine Opern sind Beschwörungen, Rekonstruktionen einer Unmittelbarkeit, die wir verloren haben, oder derer wir uns schämen.» Von Richard Wagner wird Neuenfels in der Pause einer Bayreuther Aufführung empfangen. Ein Treffen mit Mozart hat leider nicht geklappt, der ist einfach nie zu greifen.
Natürlich ist es ein bisschen spinnert, solche Gespräche zu führen. Und selbstverliebt. Aber auch unterhaltsam, hintersinnig, hellhörig. Denn Neuenfels versteht sie als Wege zur Musik – jener Musik, die er als Regisseur in Bilder, Bewegungen, Körper, Räume übersetzt. Seit 1974 inszeniert er Oper, 31 Produktionen bisher. Und immer hat er sich dabei auch schreibend an die Musik herangetastet, sie umkreisend, Biografisches und Autobiografisches munter mixend. Eine Sammlung dieser Texte ist jetzt in der Edition Elke Heidenreich erschienen, darunter auch das Libretto zu «Schumann, Schubert und der Schnee» oder das herrlich abstruse, Schlingensief vorwegnehmende Konzept zu einem «Wagnerfestival in Altaussee». Bislang letzter Streich ist ein fiktives Selbstporträt von Johann Simon Mayr, der Genies ausbildete, aber keines war («Ich brauchte die Musik, aber die Musik brauchte mich nicht. Das ist keine leichte Erkenntnis für die Dauer eines Lebens.») Mal sehen, was Neuenfels mit dieser Musik anstellt, wenn er 2010 in München «Medea in Corinto» herausbringt.

Hans Neuenfels: Wie viel Musik braucht der Mensch? Über Oper und Komponisten.
Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann, München 2009. 256 Seiten. 21,95 Euro.

 


Stephan Mösch / opernwelt / Seite 7 / Januar 2010

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