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Medien | Bücher

Für alle und für keinen
Ingo Metzmacher verhebt sich mit seinem Opernbuch

Für Menschen, die sich in Schülervorstellungen von «Zauberflöte» oder «Carmen» fragten, was das Gesinge auf der Bühne eigentlich soll, und die als Erwachsene die gesellschaftliche Verpflichtung spüren, es mit der Oper doch noch mal zu versuchen – für die ist Ingo Metzmachers Buch «Vorhang auf. Oper entdecken und erleben» wahrscheinlich richtig. Nicht, weil Metzmacher sich gemeinsam mit dem Leser wundern würde, warum Oper so merkwürdig ist – im Gegenteil. Der Dirigent verwandelt die eigene intuitive Begeisterung in einen intuitiven Stil, der das Publikum ins szenisch-musikalische Erleben hineinsaugen soll. Niemand wird mit Informationen zur Werkentstehung oder Rezeptionsgeschichte belästigt. Wer schnell liest und es nicht so genau nimmt, für den kann die Lektüre zum (Nach-)Erlebnis spannender Musiktheaterplots werden. Metzmacher schreibt, als gehe es nur darum, die Oper von Klischees zu befreien: Für ihn ist sie etwas Schlankes, Brisantes, Modernes (obwohl viel altes deutsches Repertoire vorgestellt wird, von «Don Giovanni» über «Elektra» bis zu den «Bassariden»), die Komponisten der präsentierten Werke sind noch nicht alle tot und die Werke selbst teilweise noch gar nicht fertig (Wolfgang Rihms «Dionysos»).
Doch an wen genau richtet sich das Buch? Dem ganz und gar Unbedarften wird der Name Metzmacher wenig sagen und kaum dazu führen, am Regal oder auf dem Tresen zuzugreifen. Wer das Buch zur Hand nimmt, wird wohl einen Hang zum Musiktheater haben und vor allem wissen wollen, was der berühmte Dirigent über Werke sagt, mit denen er bereits etwas verbindet. Dann allerdings zählt die literarische Aufbereitung der Materie. Und hier wird das Lesen leider schnell zur Zumutung. Dabei klingt Metzmachers Idee formal so raffiniert wie dramaturgisch schlüssig: Das Buch ist nach dem Modell von Bergs «Wozzeck» aufgebaut – drei Akte, 15 Szenen, dazwischen «Verwandlungsmusiken». In den Szenen wird jeweils eine Oper vorgestellt, in den Verwandlungen von der Zusammenarbeit mit Peter Konwitschny berichtet – am Beispiel des Hamburger «Wozzeck» von 1998. Schade, dass der Autor seinen ehrgeizigen Anspruch nicht erfüllen kann und sich stilistisch gründlich verhebt. Die Konwitschny-Passagen sind nach dem Muster «Zwei Künstler zum Anfassen» gestrickt, was selbst dann nervtötend wirkt, wenn man neugierig darauf ist, wie der Dirigent und der Regisseur damals zu einem erfolgreichen Team wurden. In den Opernporträts stört der atemlose, selbstzweckhafte Sekundenstil mit seinen Drei-Wort-Sätzen ebenso wie die Inflation dramatisierender Attribute – die Kehrseite von Metzmachers intuitiver Werk-Einfühlung. Schreiben über Oper ist offenbar doch etwas anderes als das aktive musikalische Nacherleben des Interpreten. An Einführungen in guter Prosa für klar umrissene Zielgruppen herrscht kein Mangel. Dieses Buch ist ewas für alle und für keinen.

Ingo Metzmacher: Vorhang auf! Oper entdecken und erleben.
Rowohlt Verlag, Reinbek 2009. 224 Seiten, 16,90 Euro.


Matthias Nöther / opernwelt / Seite 34 / Dezember 2009

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