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Interview

Raus aus dem Drama
Foto: promo
Die Lulu habe sie von Anfang an in sich gespürt, sagt Marlis Petersen. Bald wird sie die Rolle an der Met singen und spielen, wenige Wochen nach der Medea in Aribert Reimanns gleichnamiger neuer Oper an der Wiener Staatsoper. Aber auch mit Mozarts Königin der Nacht und Pamina, Strauss’ Zerbinetta, Massenets Thaïs oder zuletzt Haydns Angelica fühlt(e) sich Marlis Petersen wohl. Weil sie weiß, was sie tut und wann es Zeit für eine Auszeit ist.

Kennen Sie den Film «Dieses obskure Objekt der Begierde» von Luis Buñuel?
Um ehrlich zu sein, nein.

Es ist ein Film, der die Bourgeoisie, wie es Buñuels Art war, nicht eben in positives Licht setzt.
Das heißt, man muss sich diesen Film anschauen...

Er erzählt die Geschichte eines gutbürgerlichen Mannes, der ein junges Mädchen liebt und es verführt, nach außen hin aber stets den sittsamen Gentleman gibt. Doch nicht um diesen Mann geht es, sondern um die Frau. Wenn man sich vergegenwärtigt, wie Frauenfiguren oft auf der Opernbühne agieren – meist schmach­ten sie, liegen darnieder, werden wahnsinnig, sterben und sind dabei immer ein obskures Objekt der Begierde...
Das würde ich auch so sehen.

Und Sie selbst: Sehen Sie sich auf der Bühne auch so? Sind Sie eher Objekt oder Subjekt der Begierde?
Ich denke, das trifft den Nagel auf den Kopf. Meist sind die Frauen Objekt der Begierde. Subjekte werden sie vielleicht später, wenn sie durch einige Tiefen hindurchgegangen sind und begonnen haben zu reflektieren. Frauen dienen als Projektionsflächen, und es hat
eigentlich immer mit Begierde zu tun. Aber ist das nicht auch im Leben immer der Fall? (lacht)

Also reden wir Klartext: Es geht um Lulu. Ihre Paraderolle. Man hat Ihre Darstellung an der Lyric Opera von Chicago mit der Norma der Callas dort verglichen.
Das ehrt mich. Aber sicher ist das nicht nur eine auferlegte Paraderolle, sondern auch eine gefühlte. Das ist schon die Partie, die mir zugefallen ist, als ich recht jung war, und die mich wahnsinnig faszinierte, schon als ich nur den ersten Akt einstudiert hatte. Ich liebe diese Partie. Das Schöne daran ist, dass sie nie je etwas von ihrer Faszination verliert, weil jeder Regisseur ganz unterschiedlich draufguckt, egal ob Mann oder Frau. Es ist jedesmal wieder ein ganz eigener Kosmos.

Sie haben die Oper auch mit einer weiblichen Regisseurin erarbeitet, mit Antje Kaiser in Kassel, 1999.
Antje war auf wohltuende Weise ganz verrückt. Wir haben uns ohne Worte verstanden.

Ost-Frau trifft West-Frau, und das geht so schnell so gut? Die Sozialisation einer Ost-Frau ist definitiv eine andere als die einer West-Frau.
Das mag sein. Aber uns verbindet der Archetypus Frau. Antje hat die Geschichte so erzählt, aus der Sicht der Frau. Es gab sehr viel zu lachen, und es gab sehr schmerzhafte Passagen.

Foto: Theater/Dan RestFoto: Theater/Dan RestFoto: Theater/Dan RestFoto: Theater/Dan Rest

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Jürgen Otten / opernwelt / Seite 16 / Januar 2010

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