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Reportage

Leben auf dem Pulverfass
Foto: Albrecht Thiemann/opernwelt
Ein Opernbesuch in Tel Aviv

Ein Leben auf dem Pulverfass ist auf Dauer nicht zu ertragen. Nirgendwo. Von niemandem. Das ist vielleicht auch der Grund für jenen eskapistischen Hedonismus, der unten am Meer, in Tel Aviv, das Klima prägt. Während sich im frommen Jerusalem am Schabbat die Straßen ganzer Viertel leeren, ist am Strand von Israels größter Metropole Party angesagt. Und während in Nablus muslimische Sittenwächter vor geraumer Zeit das letzte Kino dicht gemacht haben, brummt in den Szeneclubs des mondänen Banken- und Wirtschaftszentrums das Nachtleben. Tausende strömen in die Theater, in Konzerte, in die Oper. «Im Dezember», erzählt David Stern, seit 2008 Musikchef der Israeli Opera, «gab es am gleichen Abend drei verschiedene Aufführungen von Bachs ‹Weihnachtsoratorium› – alle ausverkauft.» Selbst wenn aus dem abgeriegelten Gaza Raketen abgefeuert werden und die Sirenen heulen, lässt man sich in Tel Aviv den Spaß am bedrohten Leben nicht verderben. Auch deshalb konnte Israels einziges Opernhaus eigentlich nur in dieser Stadt gedeihen. Hier gelten nicht die Raster der Orthodoxie, sondern das aufgeklärte, urbane Denken, das lässige Savoir-vivre der «Sabres» und ihrer Kinder. Man hat die Nase voll von der Politik, den ewigen Scharmützeln, dem Gefühl, von der Welt an den Pranger gestellt zu werden. Tel Aviv will eine ganz normale Großstadt sein, mit Glaspalästen und Cafés, Restaurants und Einkaufszentrum, Fußballclub, Erholungspark und einem Kulturkomplex mit Museen, Bibliothek, Theater – und der Oper.

Im Januar hat Intendantin Hanna Munitz das Haus für eine Uraufführung reserviert: «The Child Dreams». Tout le monde ist am Premierenabend gekommen. Auf der Galerie erzählt der österreichisch-irische Künstler Gottfried Helnwein, der das Bühnenbild und die Kostüme für die Produktion entwarf, warum ihn das Stück des israelischen Dramatikers Hanoch Levin so sehr beeindruckt habe, auf dem die Oper von Gil Shohat basiert. Er spricht vom Holocaust, von Verantwortung und vom Kartell des Schweigens, das ihn während seiner Kindheit in Wien umfangen habe. Draußen, im zugigen Innenhof, ist Helnweins 1988 für die Kölner City konzipierte Arbeit «Selektion» aufgebaut – eine Fotoinstallation, die Kinderköpfe in einer anonymen Serie zeigt. Vom schwarzen Sockelbereich sticht leuchtend weiß jenes Wort hervor, das zum Synonym für die Verbrechen an der Rampe von Auschwitz geworden ist. Blitzlichtgewitter, Häppchen, auch der österreichische Botschafter ist da, nippt nach der Redepflicht erleichtert am Weißweinglas. Im Foyer wirbt eine Immobilienfirma für Luxusappartements. Um kurz vor acht füllt sich der Saal, gespannte Erwartung, Hanoch Levins düster-poetischen Theatertext über die (Alp-)-Träume eines Kindes kennt hier jeder: Ein Paar freut sich über das Baby. Soldaten stürmen herein, der Kommandeur hat eine Hure im Schlepptau. Sie provozieren Streit, am Ende liegt der Vater tot am Boden. Namenlose Menschen, Flüchtlinge offenbar, schauen entsetzt zu. Die Mutter sucht dem Schrecken zu entkommen, ein Schiff soll sie und das Kind in Sicherheit bringen. Der Kapitän nutzt ihre Schwäche, zwingt sie zum intimen Verkehr. Das Schiff legt auf einer Insel an. Der Gouverneur verweigert die Aufnahme der Passagiere. Nur das Kind darf von Bord gehen. Doch das Kind bleibt bei der Mutter auf dem Schiff. Letztes Bild: Tote Kinder unterhalten sich über die Auferstehung des Messias. Ein Flüchtling erscheint, er rennt um sein Leben. Die Kinder halten ihn für den Messias. Der Kommandeur schießt ihn nieder. Ein totes Kind sagt den Neuankömmlingen, ihr Lebenswille werde langsam schwinden.


10.03.2010 Albrecht Thiemann

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