kultiversum Startseite
Noch nicht angemeldet?   Registrieren

  |   Passwort vergessen
Werke

Jugendlicher Schiffbruch
Anja Vincken als Chio in Darmstadt. Foto: Barbara Aumüller
Carl Orffs Jugendwerk «Gisei»

In seinem autobiografischen Rückblick hat Carl Orff mit der ihm eigenen Nüchternheit über «Gisei» den Stab gebrochen und das Werk an den Beginn seiner «jugendlichen Schiffbrüche» gestellt. Was ihn 1913 bewog, den Einakter zu schreiben, war der Versuch, zwei Strömungen der Zeit – Debussys Revolutionierung der Musik und die Faszination durch das japanische Theater – zur Deckung zu bringen. Die Absicht, aus der krausen Vorlage ein europäisches Musikdrama herauszupressen, musste misslingen, weil fernöstliches Ritualtheater und freudianische Psychologisierung einander ausschließen.

Aufschlussreich ist die Stoffwahl vom Opfertod des japanischen Kindes allemal – «Gisei» ist das japanische Wort für Opfer –, weil sie zeigt, dass das Thema von Schuld und Sühne schon den jungen Orff umtrieb. Im Unterschied zum Menetekel der Menschheit im «Spiel vom Ende der Zeiten» geht es hier um eine individuelle Tragödie, bei der Matsuo und sein Weib Chiyo ihre Mitschuld am Tod des Kanzlers Michizane sühnen, indem sie ihr eigenes Kind dem Tod weihen, um so das Söhnchen des Ermordeten zu retten. Orff stand damals nicht nur im Banne Debussys, sondern auch Maeterlincks. Und so hat er dem kargen japanischen Stück ein langes Vorspiel vorausgeschickt, das in der Trauer zweier namenloser Gestalten auf prononciert symbolistische Weise die Deutung des Geschehens vorwegnimmt. Hier evoziert die Musik des 18-Jährigen, trotz unverkennbarer Abhängigkeit von Debussy – die Vokalisen des mit geschlossenem Mund hinter der Szene singenden Frauenchors erinnern an «Sirènes», das dritte der «Nocturnes» –, eine Atmosphäre, die die seelische Situation des Paares beklemmend einfängt. Dieser Angsttraum im Bezugsfeld von Nacht-Mondschein-Blut-Tod ist von Schönbergs «Erwartung» nicht weit entfernt.

Dennoch ist das Ganze mehr Versprechen als Erfüllung. Dazu besitzt die spätromantische Musik zu wenig eigene Substanz, weiß aber ihre Vorbilder (neben Debussy vor allem Wagner und Strauss) durchaus gekonnt mit den exotischen Einsprengseln original japanischer Melodien zu mischen. Was dem jungen Orff noch fehlt, ist das musikdramatische Timing. Ein einziges Mal hält man den Atem an: wenn Genzo, der einst das Söhnchen des Ermordeten vor dem Tod bewahrt hat und jetzt als sein eigenes Kind ausgibt, von seiner Begegnung mit Matsuo zurückkehrt. Genzos Verzweiflung erstarrt in einem Kontrafagottsolo, bei dem Orff das schwerfällige Instrument bis zum tiefsten Ton hinunterführt.


27.02.2010 Uwe Schweikert

Sie müssen angemeldet sein, um diese Funktion zu nutzen.
Nachricht schreiben!


Betreff:
Oper
Service
Die Welt der Musik auf kultiversum
Aktuelle Informationen rund um das Musikleben: Oper und Konzerte,Saisonvorschau, Bestenlisten, Premieren und KritikenWeiter

Akropolis goes Disneyland
Von wegen weißer Marmor: Antike Götter-Statuen waren grellbunt. Diese schockierende Einsicht bietet das Pergamon-Museum.

Als Kino noch Jazz war
Kino mit Orchestergraben und Orgel: Im Berliner Babylon werden 40 Stummfilm-Klassiker mit Live-Begleitung vorgeführt.

Die Hölle des Ideenreichtums
Jean-Pierre Jeunet setzt in «Micmacs - Uns gehört Paris!» auf poetischen Realismus und einen fulminanten Dany Boon.

Mein Heim, mein Käfig
Die Akademie der Künste zeigt eine Auswahl aktueller Werke von Mona Hatoum, der Käthe-Kollwitz-Preisträgerin 2010.
kultiversumDer Tag
Jeden Morgen eine Inspiration:

kultiversum empfiehlt Köpfe, Künste und Kulturen. Unser täglicher Newsletter.

Weiter
Der Tag
kultiversum
kultiversumDie Woche
Die WocheDie Woche Erleben was eine Rolle spielt. Jeden Dienstag das Beste aus dem kultiversum.
Bestellen



Kontaktanfrage





Beitrag melden!


Geben Sie hier eine Begründung an, warum Sie hier einen Inhalt bedenklich finden (z.B. Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung, Anstiftung zu einer Straftat). Vielen Dank! Ihr kultiversum-Team





Setzen Sie Ihren Bookmark!