Ausschnitt aus einem Artikel der Opernwelt 3/2010 zur Uraufführung des Werkes am 30. Januar 2010. Den Überblick über das zweite Orff-Werk des Abends, «De temporum fine comoedia» und die Anmerkungen zu Aufführung und Inszenierung der Werke finden Sie nur in der gedruckten Ausgabe der «Opernwelt».
In seinem autobiografischen Rückblick hat Carl Orff mit der ihm eigenen Nüchternheit über «Gisei» den Stab gebrochen und das Werk an den Beginn seiner «jugendlichen Schiffbrüche» gestellt. Was ihn 1913 bewog, den Einakter zu schreiben, war der Versuch, zwei Strömungen der Zeit – Debussys Revolutionierung der Musik und die Faszination durch das japanische Theater – zur Deckung zu bringen. Die Absicht, aus der krausen Vorlage ein europäisches Musikdrama herauszupressen, musste misslingen, weil fernöstliches Ritualtheater und freudianische Psychologisierung einander ausschließen.
Aufschlussreich ist die Stoffwahl vom Opfertod des japanischen Kindes allemal – «Gisei» ist das japanische Wort für Opfer –, weil sie zeigt, dass das Thema von Schuld und Sühne schon den jungen Orff umtrieb. Im Unterschied zum Menetekel der Menschheit im «Spiel vom Ende der Zeiten» geht es hier um eine individuelle Tragödie, bei der Matsuo und sein Weib Chiyo ihre Mitschuld am Tod des Kanzlers Michizane sühnen, indem sie ihr eigenes Kind dem Tod weihen, um so das Söhnchen des Ermordeten zu retten. Orff stand damals nicht nur im Banne Debussys, sondern auch Maeterlincks. Und so hat er dem kargen japanischen Stück ein langes Vorspiel vorausgeschickt, das in der Trauer zweier namenloser Gestalten auf prononciert symbolistische Weise die Deutung des Geschehens vorwegnimmt. Hier evoziert die Musik des 18-Jährigen, trotz unverkennbarer Abhängigkeit von Debussy – die Vokalisen des mit geschlossenem Mund hinter der Szene singenden Frauenchors erinnern an «Sirènes», das dritte der «Nocturnes» –, eine Atmosphäre, die die seelische Situation des Paares beklemmend einfängt. Dieser Angsttraum im Bezugsfeld von Nacht-Mondschein-Blut-Tod ist von Schönbergs «Erwartung» nicht weit entfernt.
Dennoch ist das Ganze mehr Versprechen als Erfüllung. Dazu besitzt die spätromantische Musik zu wenig eigene Substanz, weiß aber ihre Vorbilder (neben Debussy vor allem Wagner und Strauss) durchaus gekonnt mit den exotischen Einsprengseln original japanischer Melodien zu mischen. Was dem jungen Orff noch fehlt, ist das musikdramatische Timing. Ein einziges Mal hält man den Atem an: wenn Genzo, der einst das Söhnchen des Ermordeten vor dem Tod bewahrt hat und jetzt als sein eigenes Kind ausgibt, von seiner Begegnung mit Matsuo zurückkehrt. Genzos Verzweiflung erstarrt in einem Kontrafagottsolo, bei dem Orff das schwerfällige Instrument bis zum tiefsten Ton hinunterführt.