06.07.10, Wenn der Sommer in Savonlinna nicht immer eine Reise wert wäre: Die «Tosca» von Keith Warner und Philippe Auguin lohnt den Besuch nicht.
Für Regie-Großtaten ist in Savonlinna in der Regel kein Platz. Die massiven Mauern der mittelalterlichen Burg und die beiden Treppen links und rechts dominieren das Bühnenbild jedes Jahr aufs Neue und lassen wenig Spielraum für Kreativität. Regisseur Keith Warner versucht es bei der Premiere dieses Jahres, «Tosca», auch gar nicht erst. Seine Idee erschöpft sich im Wesentlichen darin, die Handlung auf einem mit Mausoleen vollgestellten Friedhof anzusiedeln. Scarpias großer Tisch in der Mitte entpuppt sich, nachdem erstmal das Tischtuch weggezogen ist, ebenfalls als marmorner Sarg, in den der Bösewicht auch prompt nach seinem Tod hineinfällt – einer der wenigen Momente, an dem man die Anwesenheit eines Regisseurs an diesem Abend noch spürt.
Ansonsten wird viel mit dramatischen Lichtwechseln (Wolfgang Göbbel) gearbeitet, die manches wettmachen. Auch Philippe Auguin gibt sein Bestes, mit dem Savonlinna Opernfestivalorchester den Mangel an Dramatik auf der Bühne im Graben zu kompensieren. Breit und duftig klingt sein Puccini, keine Emotion auslassend, mit unheilschwangeren Akkorden bei Scarpias erstem Auftritt und gleitend-schönem Klarinettensolo zu Beginn von Cavaradossis «E lucevan le stelle»-Arie.
Doch gegen die Steifheit der Sänger (am besuchten Abend sang die Zweitbesetzung) kann auch Auguin wenig ausrichten. August Amonov als Cavaradossi wirkt wie ein gesetzter, in Ehren gereifter Pensionär, der sich zwar am Ende noch zu einigen gelungenen Gesangslinien aufschwingen kann, aber auch dabei nie die über die Ausstrahlung einer Zimmerkommode hinauskommt. Jukka Rasilainen als Scarpia hat Probleme mit den dramatischen Spitzen, singt nicht fokussiert und bräsig und fühlt sich sichtlich in seiner Rolle nicht zuhause. Das Böse ist ihm äußerlich, es dringt ihm nicht aus allen Poren. Und die Titelrolle? Yekaterina Shimanovich kann impulsiv sein, versucht aber häufig, mit Volumen auszugleichen, was ihr an dramatischer Gestaltungskraft fehlt. Liebe, Entsetzen, Qual – nichts von dem ist zu spüren, Shimanovich wirkt wie eine Hausfrau, die ihre Rolle nur verwaltet. Dass es in Savonlinna auch anders geht, hat übrigens am Vortag Inna Los mit einer fantastischen, bis in jede Faser ihres Körpers verinnerlichten Darstellung der «Madama Butterfly» in Henry Akins Inszenierung von 2009 gezeigt. Aber wenn der Sommer so groß ist wie dieses Jahr in Finnland, mit 34 Grad am Mittag und weißen Nächten, mit funkelnden Seen und im Wind rauschenden Wäldern – dann dürfte sich für die meisten die Anreise sowieso wieder einmal gelohnt haben.