Oper vs. Oper
kultiversum-Frühkritik und die Einschätzung der Opernwelt im Vergleich.
Das Internet machts möglich: Am Morgen danach erscheint auf kultiversum eine erste Einschätzung vieler Premieren, der spontane Eindruck eines Kritikers. Einige Wochen danach folgt häufig eine zweite Meinung: in der gedruckten Ausgabe der Opernwelt. Oft viel ausführlicher, manchmal mit interessanten Diskrepanzen. Mal auch mit einer völlig entgegengesetzten Einschätzung.
Januar
Sechs neue «Doppelkritiken» liegen vor, nachdem die Januar-Ausgabe der «Opernwelt» jetzt online verfügbar ist: Während sowohl der Berliner «Lear» von Aribert Reimann (Regie: Hans Neuenfels) als auch Konwitschnys Amsterdamer «Salome» den kultiversum-Kritiker ebenso wie den Opernwelt-Rezensenten überzeugt haben, gehen über Christian Gerhaher als «Prinz von Homburg» in Wien die Meinungen ein wenig auseinander: laut opernwelt hätte Gerhaher «seine im Liedgesang gewohnte Subtilität noch ausführlicher einbringen mögen», kultiversum fand den Titeldarsteller «Die Sensation des Abends».
Der katalanische Regisseur Calixto Bieito, immer für ein Skandälchen gut, hat in Basel am «Opernhaus des Jahres» Janaceks «Aus einem Totenhaus» in Szene gesetzt - dabei herausgekommen ist eine «insgesamt starke Aufführung, die, wie nicht anders zu erwarten, nichts und niemanden schont» (opernwelt). kultiversum macht eine Entwicklung des Katalanen zu einem «Regisseur, der es mittlerweile meisterhaft versteht, packende Personenregie mit gesellschaftlicher Verbindlichkeit so zu vereinen, dass es berührt» aus.
Als eine «mit Effekten aufgepeppte szenische Collage» wird Barrie Koskys «Rheingold» in Hannover vom Frühkritiker bezeichnet; die opernwelt ist gnädiger und macht neben unterhaltsamen auch «verstörende bis berührende» Elemente aus. Auch Dietrich Hilsdorfs «Traviata» kommt im Magazin besser weg als im Netz: immer wieder habe es «stimmungsvoll konzentrierte Momente» gegeben, urteilt der sonst auch nicht übermäßig begeisterte opernweltler, sein kultiversum-Kollege sieht schauspielerisch unterforderte Sänger und dementsprechend blasse Charaktere.
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Dezember
Einheitlich war die Einschätzung der «Lady Macbeth von Mzensk» Ende Oktober in Wien - «Musikalisches Ereignis, brave Inszenierung» titelte kultiversum, eine «musikalische Sternstunde» sah die Opernwelt. Die in ihrer ausführlicheren Darstellung viel mehr in die Tiefe gehen konnte als es in der spontanen Einschätzung gleich nach der Premiere möglich ist.
Die unterschiedlichen Möglichkeiten von «Frühkritik» und gedruckter Einschätzung exemplarisch auf den Punkt bringen die «Louise»-Kritiken aus Straßburg: Mehr beschreibend als in einen Gesamtzusammenhang einordnend ist die Frühkritik von Georg Rudiger - schließlich sollen ja noch Menschen eingeladen (wie in diesem Fall) oder gewarnt werden, diese Inszenierung zu sehen. Im operngeschichtlichen Zusammenhang schätzt dagegen Opernwelt-Autor Stephan Moens das Werk ein.
Einen weiteren interessanten Kontrast zeigen die Stimmen zum Münchner «Don Giovanni»: Eine gescheiterte Inszenierung sehen die Frühkritiken, die wesentlich mehr die Bewertung des Abends in den Vordergrund stellen als die gedruckte Kritik, die versucht, die Absichten des Regisseurs verstehend zu beschreiben - wie er's gefunden hat, mag der Autor dem Leser allerdings nicht verraten.
Die Differenz von Früh-Kritik einer Premiere als Live-Event und Kritik als Gesamteinschätzung einer Inszenierung zeigen die Rosenkavalier-Kritiken: Auch sie kommen weitgehend zu demselben Urteil, die Frühkritik hat aber ganz und gar den einzelnen Abend vor Augen, während die (viermal so umfangreiche) gedruckte Kritik versucht, dem ästehtische Gesamtkonzept ebenso gerecht zu werden wie allen beteiligten Sängern.