25.04.2010, Berlin, Komische Oper: Beethoven «Fidelio». Inszenierung: Benedikt von Peter, Musikal. Leitung: Carl St. Clair.
Gott sei Dank ist er nicht erstickt, unser Florestan – unter all den Müllsäcken im rostigen Container und nach all den Jahren! Nein, im Gegenteil. In einem goldseidenen Rock kommt er wie frisch gepellt hervorgekrochen aus dem stinkenden Loch, in dem sein Widersacher Pizarro ihm endlich den Garaus machen wollte.
Regisseur Benedikt von Peter liebt es schmuddelig. Vor zwei Jahren bei seinem Debut an der Komischen Oper mit Händels «Theseus» durften wir einer veritablen Schlammschlacht beiwohnen. Jetzt prunken von Peter und seine Bühnenbildnerin Natascha von Steiger mit einem Müllcontainer als zentralem Bühnenrequisit, wie es einst Peter Konwitschny in Graz dem Falstaff als Wohnmobil zuordnete. Ständig sind da Müllsäcke umzuschichten – der wichtigste Vorgang –, immer mal wieder dampft’s und qualmt’s aus der Rostlaube.
Statt einer Ouvertüre spielt der Container auch im Vorspiel die erste Geige. Elektrische Schraubenzieher brummen. Parkettstühle und anderes Theatermobiliar werden entsorgt. Regisseur von Peter möchte des Tonschöpfers Ludwig van Beethoven tief vergrabene Hoffnungsbotschaften wieder ausgebuddelt wissen. Von Peter hat die Frühfassung der einzigen Oper van Beethovens ausgegraben, die sich theatertechnisch durch mehr Umständlichkeit auszeichnet und die bekanntlich krachend durchfiel bei der Uraufführung 1805, weil Kaiser Napoleon gerade Wien erobert hatte und das noble Publikum gern auf eine französisch angehauchte Rettungsoper verzichtete.
Eine Variante ist allerdings höchst bemerkenswert und weitsichtig in dieser Frühfassung: der Gefängnisgouverneur Pizarro wird am Ende nicht bestraft. Vielmehr verzeiht ihm sein Ex-Gefangener Florestan als echtes Blumenkind die Qual und nimmt ihn in die Arme, während der zur Inspektion mit Kutsche und lebendigem Schimmel angereiste Minister Fernando ob so viel Güte auf seinem Kutschbock zwischenzeitlich sanft entschlummert. Und das Volk, das zuvor eifrig Hartz-IV-Plakate malte, trägt nun als neue Losung blütenweiße Spruchbänder mit sich, verteilt sogar unbeschriftete weiße Tafeln zum Durchreichen ins Parkett. Am Ende bleiben der Müllwächter Rocco, seine von Fidelio ernüchterte Tochter Marzelline, der Müllkippen-Pförtner Jaquino und der reintegrierte Müll-Gouverneur Pizarro allein zurück, ratlos in ihren nun barockisierenden Kostümen (Katrin Wittig) .
Die beiden Protagonisten Leonore, alias Fidelio, und Florestan dürfen als «hohes Paar» allerdings von Anfang an in barockisierendem Goldbrokat durchs Stück wandeln, zudem werden ihre (insgesamt recht dilettantisch erklingenden, mit Grundrauschen untermalten) Dialoge wie die von Aliens per Verstärker auratisch verhallt. Beim Singen allerdings helfen auch die Mikros nichts. Es ist nur das (leider) Komische-Oper-übliche Mittelmaß. Will Hartmann presst einen engen Florestan heraus, Ann Petersen ist eine Koloraturen-verschwommene Leonore, Maureen McKay gibt eine vibratostarke Marzelline. Vielschichtig am ehesten noch Carsten Wittmoser als so schlitzohriger, wie verschmitzter und ratloser Don Pizarro. Carl St. Clair am Pult dirigiert einen straffen, allerdings weniger auf Nuancen bedachten Ludwig van.
Schon zur Pause tönt nach matten Zwischenapplausen ein kräftiges Buh. Am Ende wogt es hin und her zwischen Buhs und Bravos. Fidel auf der Müllkippe. Ja, so lieben wir unsere Komische Oper.