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Frühkritik

Letzte Tankstelle vor Walhall
Foto: Thomas M. Jauk
23.05.2010, Staatsoper Hannover: Richard Wagner «Die Walküre». Inszenierung: Barrie Kosky, Musikalische Leitung: Wolfgang Bozic.


So sexy waren Wotans Töchter selten: Direkt aus den Erotikfilmen des amerikanischen Underground-Regisseurs Russ Meyer scheinen die 16 Mädels zu kommen, die zum Walkürenritt an Hannovers Oper ihr Unwesen an einer alten Tankstelle treiben. Lederjacke statt Brustpanzer, Moterrad- statt Flügelhelm – so sehen die Walküren des MTV-Zeitalters aus.

Doch anders als im «Rheingold», mit dem der Australier Barrie Kosky vor einem halben Jahr sein Hannoveraner «Ring»-Projekt startete, tragen seine Ideen diesmal nicht besonders weit und fügen sich vor allem nicht zu einer stimmigen Erzählung zusammen. Was beispielsweise der erfolgreiche Manager Wotan, dem wir im zweiten Akt beim Fitnesstraining zuschauen durften, eigentlich mit den bösen Mädchen von der Tanke zu tun hat, erfährt man nicht und auch die Beziehung zu seinem Lieblingskind Brünnhilde hat wenig von den unterschwelligen Spannungen, die andere Produktionen schon in diesem seltsamen Vater-Tochter-Verhältnis entdeckt haben.

Natürlich machen es die Darsteller Kosky nicht gerade leicht: Sein Wotan, der Amerikaner Robert Bork ist zwar ein viriler Göttervater mit potentem Bassbariton, vermittelt aber wenig von den Zweifeln, die Wotans lange Suaden erst spannend machen. Und der betulichen Brünnhilde von Brigitte Hahn, die sich auch stimmlich in gefährliche Grenzbereiche vorwagt, glaubt man keinen Augenblick die kesse Rockerbraut. Bleiben die liebenden Wälsungengeschwister, die tapfer und glaubwürdig dagegen ansingen, dass die Regie sie auf traumatisierte Gewaltopfer reduziert: Vincent Wolfsteiner ist ein kerniger Siegmund und Kelly God kompensiert ihre etwas verhärmten Spitzentöne mit rückhaltloser Hingabe. Von den Mühen der Wagner-Langstrecke kündet auch die Leistung des Hannoveraner Opernorchesters: Die wackligen Bläsereinsätze möchte man eher den Musikern als dem scheidenden Chefdirigenten Wolfgang Bozic anlasten. Und Hannover ist an diesem Abend leider nur Opernprovinz.


24.05.2010 Jörg Königsdorf

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