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Frühkritik

In Räumen träumen
Foto: Thilo Beu
06.06.2010, Bonn: Klaus Lang «Buch Asche». Regie: Claudia Doderer, Klaus Lang.

Manchmal ist eine Librettolektüre vor der Aufführung nicht nur hilfreich, sondern unbedingt notwendig – sofern man der Handlung sozusagen in Echtzeit folgen möchte. Im Falle des gerade in Bonn uraufgeführten Musiktheaters «BUCH ASCHE.» helfen freilich weder die vorherige Lektüre des sehr poetischen Textes von Händl Klaus, noch das Nachlesen desselben im Hotelzimmer. Eigentlich geht es um eine Bäuerin in der chinesischen Provinz, die nicht nur von kräftigem Reis sondern auch von einem adretten Kleid aus weißer Seide träumt. Sie träumt überhaupt ziemlich viel, etwa von einem verbrannten Buch, mit dessen Asche sie den Kaiser bewirft. Dieser tötet sie wie diverse andere (Un?)Schuldige. In einem weiteren Traum verwandelt sich die Asche in Kirschblüten und der entzückte Kaiser beschenkt die Bauersfrau mit Seide. Ihr Gatte wiederum verpackt sie in eine Art Schmetterling…

Händl Klaus hat dieses verrätselte Märchen aus alter Zeit in wunderbare Sprach- und Sprechmusik verwandelt, wobei der Text oft in einzelne Silben zerfällt und damit unverständlich, will sagen unhörbar bleibt. Auf die Vorlage seines Innsbrucker Kollegen reagierte der Grazer Komponist Klaus Lang mit einer äußerst energetischen, zugleich reduzierten Musik. Lang ist ja bekannt für seine meditativen Raumklänge bzw. Klangräume, auch diesmal erleben wache Ohren einen Trip ins Innere, wobei die fein ausgehörten Töne nicht aus dem Orchestergraben kommen, sondern von allen Seiten und Richtungen. Die Instrumentalisten sind im gesamten Opernhaus verteilt, dazu übermitteln Lautsprecher recht dunkle, klagende Chorkantilenen. Alles fließt zusammen in einen Klangozean, aus dem immer wieder (ähnliche) Einzelinstrumente herausgurgeln.

Zu sehen ist wenig und doch sehr viel. Claudia Doderer kreierte eine Art Bühneninstallation: vor einem grauweißen, abstrakt schiefen ‚Haus’ steht ein kahler Baum, davor liegen Steine, ein paar Knochen sowie zwei Körper herum. In minimalistischen Aktionen werden die Steine vom Reisbauernpaar neu formiert, der Kaiser schreitet mit einer immens langen roten Schleppe vom Hochparterre herab, bald wird die Schleppe zum ausführlich bespielten Requisit. Mehrere stumme Protagonisten durchziehen die Szenerie, ihnen hat Tomi Paasonen Bewegungen auf den Leib geschrieben, die bisweilen an Butoh-Tanz erinnern – die Figuren tasten mit suchenden, aber auch beschützenden Gesten reale wie unsichtbare Objekte ab.

Durch die feine Lichtregie (Max Karbe, Thomas Roscher) und die szenische wie musikalische Wiederholungsgrammatik ist dieser Abend ein Ereignis, das freilich nur konzentrierte Zeitgenossen wirklich goutieren. Es geht um ein alle Sinne umfassendes Theatererlebnis, auf das man sich einlassen muss, ansonsten bleiben lediglich Unverständnis und Fadesse.

Auch den Sängern wird nicht nur darstellerisch höchste Konzentration abverlangt, Klaus Lang stattete die Partie der Bäuerin mit immens hohen Tönen aus, während ihr Gatte in tiefste vokale Tiefen hinabsteigen muss. Angelika Luz und Assaf Levitin haben das ebenso meisterhaft bewältigt wie Terry Wey (als Kaiser). Auch die Tänzer Bärbel Stenzenberger, Ziv Frenkel und Olaf Reinecke hinterließen ob ihrer Kraft und Präsenz starke Eindrücke.


07.06.2010 Jörn Florian Fuchs

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