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Verführer in der Konzernzentrale
Liebe auf den ersten Griff: Michael Haneke inszeniert «Don Giovanni» an der Pariser Nationaloper

An einer streng traditionellen «Don Giovanni»-Inszenierung, die allerdings mit höchster Präzision und psychologischer Durchdringung erarbeitet werden muss, könnte man erkennen, wie eine scheinbar fest geordnete Gesellschaft durch Außerkraftsetzen von Ordnung und Moral zerstört wird. Das Ancien Régime war so eine Sozietät, die Mozart im Blick hatte, als er seinen «Wüstling» auf die Gesellschaft losließ. Don Giovanni benötigte keinen Sprengstoff am Körper, um seine Welt in die Luft zu jagen. Er selbst war der Sprengstoff, der mit seiner immoralischen Verhaltensweise die psychischen und sozialen Strukturen einer Gesellschaft zersetzt, der er selbst angehört.

Das ist natürlich kein Sex-Drama, als das die Oper gern ausgegeben wird, speziell in unseren sexistischen Zeiten, weshalb die meisten «Don Giovanni»-Darstellungen vorwiegend flachköpfig wirken. Der Eros ist nur ein Kampfmittel, mit dem Don Giovanni sein Zerstö­rungswerk in Gang setzt, allerdings sein wichtigstes. Wobei zu bedenken ist, dass er ja nicht wie ein simpler Verbrecher diese Zerstörung will: Er wählt halbbewusst den Umweg über die hemmungslose Durchsetzung eines individuellen Freiheitswillens. Die Folgen sind ihm, ob bewusst oder nicht bewusst, gleichgültig. Die Kategorien der bürgerlichen Moral sind außer Kraft gesetzt. Der Höllensturz am Ende ist nurmehr als ein Coup de théâtre zu betrachten, metaphysische Spekulationen können, müssen nicht angestellt werden. Aus dem Gesagten folgt, dass sich diese Begründungen der Figur nur aus einer präzisen Zeichnung des gesellschaftlichen Umfeldes, der übrigen Figuren, des politisch-historischen Kontextes gewinnen lassen. Lässt sich das alles auf heute übertragen?

Michael Haneke versucht es. Seine «Don Giovanni»-Geschichte ereignet sich in einem hochmodernen Konzern-Ambiente. Durch die hohe Glasfront des Empfangskorridors blickt man auf ein ­erleuchtetes Hochhauspanaroma. Hier wird überall Geld verdient, werden weitreichende Entscheidungen getroffen, wird Macht ausgeübt. Und dass Macht und Liebe eine geheimnisvolle Tiefen­dimension verbindet, weiß man in der Oper spätestens seit Wagners «Ring des Nibelungen». Don Giovanni wirkt in dem Familienimperium als Supermanager. Man denke an die Agnelli-Sippe. Eigentlich gehörte auf die Bühne noch ein feuerroter Ferrari für den Verführer. Der alte Familienboss trägt unverändert den Namen Commendatore. Die gehobenen Damen fügen sich perfekt ins Gesellschaftsbild. Donna Anna: die höhere Tochter mit gesellschaftlichen Macht­ambi­tionen und verborgenen Leidenschaften. Donna Elvira: die Hysterikerin vom Dienst, erotoman bis zum Wahnsinn. Don Ottavio: der junge Mann aus gutem Hause, tadellos gekleidet, ein Softi, der aus seiner ständigen Selbst­inszenierung jäh herausgerissen wird. Zerline und Masetto gehören zur Putzkolonne im Unternehmen.

Statt der Zerstörung des Ancien Régime also die Zerstörung eines großen, gegenwärtigen Machtimperiums, in dem noch private Herrschaftsverhältnisse walten. Geht das auf? Hanekes Inszenierung gewinnt aus der veränderten Lebenswelt immer wieder bannende Bilder, Momente der Stille aus eingefügten Unterbrechnungen. Aber letztlich bleibt es dabei, dass die alte Geschichte mit ihren ganzen Verwicklungen nur neu kos­tümiert abläuft, mit einer Prise von Liebe auf den ersten Griff. Außerdem scheint das Imperium keinesfalls dem Ende nahe zu sein, der tote Komtur im Rollstuhl mit Grabsteinkopf, der zum Finale hereingeschoben wird, wirkt wie eine äußerst muntere Theaterfigur, die zuschaut, wie das Personal den von Donna Elvira erstochenen Sünder einfach aus dem ge­öffneten Fens­ter in den Hochhaus­schlund wirft. Klappe! Aus! Man merkt den Filmregisseur Haneke.



Gerhard Rohde / opernwelt / Seite 32 / März 2006

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