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Panorama

Pountney trägt Prada
Zürich, Chabrier: L'Etoile

Emmanuel Chabrier (1841-1894) ist dem Musikfreund durch die mitreißende Orchestervignette «España» und die leidlich lustige «Tristan»-Quadrille geläufig. Seine drei Jahre vor Offenbachs Tod in dessen Bouffes Pari­siens uraufgeführte Opéra-bouffe «L’Étoile» (Der Stern) blieb ewiger Geheimtipp: weit über Offenbach gestellt von Debussy, 1941 ausgegraben von Desormière (Paris) und Ansermet (Genf), 1984 von John Eliot Gardiner in Lyon. Der Brite überredete Alexander Pereira nun zu ­einer Neuinszenierung am Zürcher Opernhaus. Fazit: Trotz genialen Librettos zündet Chabriers Partitur wie nasses Pulver. Sie arbeitet – taktweise nicht ohne Charme und Reiz – mit mikroskopischem Witz. Hier ein lustiges Rumoren in Hörnern oder Fagott, dort der Ansatz eines Ohrwurms – gleich tritt Chabrier auf die Bremse und reißt ein Loch ins Gewebe. Größere Bögen erkennen nur Philologen: So muss man sich erinnern, dass man den keineswegs eingängigen Hochzeitswalzer ­anderthalb kleinteilige Stunden vorher schon einmal gehört hat – als Kennmelodie einer Pfählungszeremonie unverkennbar pornografischer Provenienz. Längeren Atem haben nur die «romantischen» Stellen, die Gardiner mit dem sonst wie auf Zehenspitzen musizierenden Zürcher Opernhausorchester à la Lehár aufrauschen lässt. Das klingt wie Sacha Guitry in Musik: Weltstadt-Boulevard-Romantik. Sie und die Orchestervor- und -zwischenspiele in Potpourri-Manier sind die musikalischen Oasen einer Partitur, die sich am permanenten Zerfetzen geschlossener Formen berauscht. Ihre Kleinteiligkeit ist so extrem, dass man den Witz ohne Leitmotiv-Tabelle und wissenschaftliche Einführungs­seminare nicht mehr erkennt.
David Pountney versuchte das Zürcher Publikum durch optische Opulenz für die spröde Musik zu gewinnen. Er verlegte das Reich Oufs, «Königs der 36 König­reiche», also unverkennbar Deutschland vor der Reichs­einigung, kurzerhand in die arabischen Emirate und hatte damit seinen Freibrief, im Konsumparadies zu schwelgen. Der erste Akt spielte in ­einem Autosalon, der zweite in einem Luxushotel, der dritte in einer De­sig­ner-Sarghandlung für den ausgefallenen Geschmack (Bühne: Johan Engels). Marie-­Jeanne Lecca hatte eine ganze Haute-Couture-Kollek­tion entworfen, die die Damen im Publikum vor Neid erblassen ließen, wäh­rend langbeinige Models dem männlichen Teil der Zu­hörerschaft Freude bereiteten. Dass Ouf und sein Astrologe die Uhren zurückstellen, um die Sterne zu über­listen, weil ihr Leben am Lebensfaden eines Bettlers hängt, arbeitete die Regie weniger geistvoll heraus. Zudem waren Jean-Luc Viala und Jean-Philippe Lafont alte Haudegen der brummigen Sorte, während die inkognito reisende Prinzessin Anne-Catherine Gillets nebst Anstandsdame Nora Sourouzian den armen Schlucker in Gestalt von Marie-Claude Chappuis glo­ckenrein und mit vollendeteten Manieren umgirrten.

Chabrier: L’Étoile.
Premiere am 26., besuchte Vorstellung am 28. November 2006. Musikalische Leitung: John Eliot Gardiner, Inszenierung: David ­Pountney, Bühnenbild: Johan Engels, Kostüme: Marie-Jeanne Lecca, Chor: Ernst Raffelsberger. Solisten: Jean-Luc Viala (König Ouf), Jean-Philippe Lafont (Siroco), Marie-Claude Chappuis (Lazuli), Anne-Catherine Gillet (Laoula), Nora Sourouzian (Aloès), Gabriel Bermúdez (Porc-Épic), Guy de Mey (Tapioca) u. a.


Boris Kehrmann / opernwelt / Seite 49 / Januar 2007

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