Ulrich Schreiber nennt sie den «wichtigsten Beitrag Frankreichs zur veristischen Opernbewegung». Der gute alte Kloiber hatte schon Jahrzehnte zuvor die «fast surrealistisch überhöhten» Milieuschilderungen in Gustave Charpentiers «Louise» hervorgehoben. Eben diesen Weg, den vor kurzem Christof Loy in Duisburg (siehe OW 11/2008) gegangen war, wählt jetzt auch Jan-Richard Kehl für seine Inszenierung des «musikalischen Romans» in Flensburg. Er lässt das Familiendrama – statt, wie im Libretto vorgesehen, an wechselnden Schauplätzen mit realistischem Pariser Kolorit – in einem Einheitsraum spielen: einem leicht heruntergekommenen Revuetheater (Bühne: Paul Zoller), in dem Louises Vater als Kellner und die Tochter als Putzhilfe angestellt sind.
Hier entwickelt sich in konzentrierter Nähe die Liebesbeziehung Louises zu Julien, dem Komponisten einer Band (auf den übrigens auch die Mutter ein Auge geworfen zu haben scheint), hier werden Wünsche und Ängste zu optischen – oft alptraumhaften – Visionen. Wenn Louise zur Muse der Bohèmes gekrönt wird, dringt die Schar der Pariser Demimonde maskenhaft-bedrohlich in den Raum, der sich vorher, beim großen Liebesduett zu Beginn des dritten Aktes, in ein von kreisendem Discokugel-Licht durchflutetes Nirwana verwandelt hatte. Das alles hat Konsequenz und wird mit gekonnter Personenführung szenisch arrangiert, inklusive einer offenbar inzestuösen Schwangerschaft Louises, die der im Werk als zentrales Moment angelegten Vater-Tochter-Beziehung Schärfe verleiht.
Aber nicht nur in ihrer unverkrampften szenischen Originalität, auch musikalisch bot sich in Deutschlands nördlichstem Opernhaus eine hochrangige Leistung. Die Hauptpartien waren sängerisch wie darstellerisch punktgenau besetzt: Sabina Martin als leidenschaftliche, immer wieder an die Grenzen psychotischer Nervosität gehende Louise mit attraktiv timbriertem Sopran, der in der oberen Lage mit makellosen Pianotönen beeindruckte; Vincent Schirrmacher als Julien, ein noch sehr junger Tenor, der mit bombensicheren Fortehöhen prunkte und, wenn er sich noch stärker auf die Kultivierung des Mezzavoce-Bereichs verlegt, durchaus eine über Flensburg hinausgehende stimmliche Zukunft vor sich haben dürfte. Alan Cemore traf als Vater mit kultiviert-sonorer Tongebung genau den zwischen Melancholie und Verzweiflung angelegten charakterbaritonalen Ton. Anastasia Souporovskaja als Mutter verlegte sich – anders als oft gewohnt – nicht auf das keifende «Leidensgespenst» (wie es im Text so anschaulich heißt), sondern war die elegante Salonschlange mit einem verführerisch eingesetzten, über profunde Tiefen verfügenden Mezzo. Assistiert wurden diese vier Protagonisten von einem homogenen, zum Teil aus dem Chor rekrutierten Ensemble, das die Leistungsfähigkeit der kleinen Bühne nachdrücklich unter Beweis stellte. Wie es auch das Schleswig-Holsteinische Sinfonieorchester tat, das unter seinem dänischen GMD Mihkel Kütson wenn auch nicht alle Farbnuancen, so doch mit einem hinreichend differenzierten Klangteppich einen nachhaltigen Eindruck von dieser wertvollen, vom großen Hans Knappertsbusch einst so sehr geliebten Partitur zu vermitteln verstand.
Charpentier: Louise.
Premiere am 28. Februar 2009. Musikalische Leitung: Mihkel Kütson, Inszenierung: Jan-Richard Kehl, Bühne: Paul Zoller, Kostüme: Annette Braun, Choreografie: Annett Scholwin, Chor und Extrachor: Bernd Stepputtis, Kinderchor: Oxana Sevostianova. Solisten: Sabina Martin (Louise), Vincent Schirrmacher (Julien), Anastasia Souporovskaja (Mutter), Alan Cemore (Vater), Jin Hak Mok (Nachtschwärmer, Liederdichter, Narrenkönig) u. a.