Moritz Eggert erinnert mit seiner Oper «Linkerhand» an die DDR-Autorin Brigitte Reimann
Man hat den Roman «Franziska Linkerhand» der Schriftstellerin Brigitte Reimann (1933-1973), eine große autobiografische Erzählung der DDR, mit der «Blechtrommel» von Günter Grass verglichen. Hier der vitale, drastisch eigenwillige Zeitspiegel von Krieg und junger Bundesrepublik aus dem Blickwinkel Danzigs, dort die exemplarische Geschichte einer jungen Architektin in der sächsischen Provinz der sechziger Jahre im Städtchen Hoyerswerda. Im nicht weit entfernt gelegenen Theater Görlitz hielt man den Roman für operntauglich und erteilte dem Münchner Komponisten Moritz Eggert (Jahrgang 1965) und seiner Librettistin Andrea Heuser den Auftrag, Reimanns Buch ins Musiktheater zu transportieren. Eggert hat in den letzten Jahren des öfteren gezeigt, das er ohne Angst vor Trivialität den Situationen und Sprachen des Alltags ästhetisch etwas abgewinnen kann. Die Uraufführung am «Originalschauplatz» Hoyerswerda war sozusagen Ehrensache fürs Theaters und das Autorenpaar.
Hintergrund der Oper: ein Energiezentrum besonderer Art. Tausende Menschen sind in Hoyerswerda angesiedelt, im realen Sozialismus, um die «Schwarze Pumpe», das Kombinat der «Braunkohleveredelung», das für die DDR Gas produzierte, in Schwung zu halten. Betonplattenbauten wachsen aus dem Boden, Zeichen einer industriellen Moderne. Nach der «Wende» übernimmt Vattenfall die Schwarze Pumpe und lässt nur noch ein paar hundert Menschen für die Arbeit im Kombinat übrig. Hoyerswerda, die Stadt mit den meisten Arbeitslosen in Deutschland, gleicht heute einer Geisterstadt: Die Jungen sind abgewandert, die Alten blieben.
Ein so positives Signal wie eine Oper ist an so einem Ort umso wichtiger, als Hoyerswerda für etwas steht, das in den Köpfen vieler Menschen dauerhaft verankert ist: Schrecken. Hier fanden 1991 zum ersten Mal nach der Vereinigung Gewaltexzesse gegen Ausländer statt, wurden Asylanten von Neonazis tätlich angegriffen und aus der Stadt vertrieben. Die neue Oper – ein Gegensignal.
«Linkerhand» in 33 Bildern beleuchtet Leben, Wirken und Träumen einer begabten, lebenshungrigen jungen Frau in der DDR, die mit 28 Jahren nach Hoyerswerda übergesiedelt war. Die bei Magdeburg geborene Brigitte Reimann wollte dort ihre Ideale von politischer Bewusstheit und Lebensführung verwirklichen, beim Aufbau einer neuen Gesellschaft dabei sein, Menschen und ihren Alltag erleben und mitprägen helfen. Deshalb leitete sie, Mitglied des (Ost-)Deutschen Schriftstellerverbandes, in Hoyerswerda einen Zirkel schreibender Arbeiter. Und blieb dabei ihrem Wesen treu, blieb subjektiv, spontan – und regimekritisch. Christa Wolf bekannte 1998, an Brigitte Reimann habe ihr die Art und Weise gefallen, «auf das Leben zuzugehen, mit dem Leben zu spielen».
Die Bemerkung gleicht fast einer Anweisung zur Opernarbeit Eggerts und seiner Librettistin, denn die kraftstrotzende Variabilität der Dramaturgie, die durchaus plakative Buntheit rasch wechselnder Szenen mit wild-bühnenpräsenten Chören und Solisten, die Schmissigkeit und Frechheit einer oft musicalhaft nachempfundenen Musik, das alles wirkt tatsächlich spielerisch, vital, virtuos entworfen, hat weder mit der Ausdruckshaftigkeit von expressionistischem Opernpathos noch mit der kühlen Stringenz der Avantgarde viel gemein.