Am Anhaltischen Theater Dessau endet nach 18 Jahren die Ära von Johannes Felsenstein
Er hat einen berühmten Vater. Und der wird selbst dann noch bewusst erwähnt, wenn sich der 1944 geborene Berliner Johannes Felsenstein (mit einer für ihn typischen, fulminanten «Elektra») in die Rente verabschiedet. Der Sohn Walter Felsensteins hat sich nicht nur im gleichen Metier als Intendant und als Regisseur getummelt, sondern mit seiner Arbeit stets zu Vision und Prinzipien seines Vaters bekannt, sprich: zu einem verbindlich realistischen Musiktheater. So wird in Dessau zum Beispiel immer noch alles auf Deutsch gesungen. Während man an diesem Dogma auch am einstigen Berliner Stammhaus des Vaters, der Komischen Oper, beharrlich festhält, hat man sich dort freilich von der Vorherrschaft eines einzigen Theaterverständnisses, ja einer einzigen Regiehandschrift längst emanzipiert.
In der schützenden Abgeschiedenheit des anhaltinischen Dessau aber konnte der Regie führende Intendant Johannes Felsenstein mit 38 eigenen Inszenierungen zwei Jahrzehnte lang dem Haus seinen Stempel aufdrücken – ohne andere Handschriften neben sich wachsen zu lassen. Seine Vorliebe für die deutsche und italienische Oper ist dabei offenkundig. Mit der konkurrenzlos gebliebenen Idee, zum Schiller-Jahr 2005 alle Schiller-Opern Verdis als Zyklus aufzuführen, dazu schon vorhandene Inszenierungen zu überarbeiten und obendrein deren Libretti mit eigenhändigen Bearbeitungen näher an Schiller heranzurücken, verbuchte Felsenstein einen verdienten, überregionalen Erfolg.
An der Mulde kokettiert man gern damit, das vierte Opernhaus Berlins zu sein. Und das ist mehr als eine clevere Marketing-Behauptung. Das Dessauer Theater ist mit über 1000 Plätzen für eine Stadt, die weniger als 100 000 Einwohner hat und weiter schrumpft, hoffnungslos überdimensioniert. Es muss seine Zuschauer außerhalb der Stadtgrenzen finden. So gesehen sind die 3,4 Millionen Zuschauer seit 1991, auf die man jetzt verweist, ein beachtliches Ergebnis.
Das ästhetische Selbstverständnis des Anhaltischen Theaters unter Johannes Felsenstein lief immer auf eine bewusste Abgrenzung zu den Strömungen, Trends und Aufregern des sogenannten Regietheaters hinaus. Selbst wenn man diese Distanzierung vom Zeitgeist kritisch sieht, kann man dem Intendanten Felsenstein in kulturpolitisch stürmischen Zeiten nicht das Verdienst absprechen, ein funktionierendes Mehrspartenhaus (stets auch mit profiliertem Ballett) in seiner Kontinuität gesichert und für viele junge Künstler als Ausgangspunkt ihrer Karriere erhalten zu haben. Obendrein hat er das hohe Niveau der Anhaltischen Philharmonie (zuletzt unter Golo Berg) gesichert.
Doch auch dem «unzeitgemäßen» Regisseur Johannes Felsenstein kann man Respekt vor seiner Konsequenz nicht versagen. Erfreulich insbesonders die Arbeiten mit dem neuen Bühnenbildner Stefan Rieckhoff, in denen er sich seit 2004 von manchem allzu verstaubt historisierenden Klischee gelöst hat. Das hat seiner unbestreitbaren Fähigkeit zu packender Personenführung zu neuer Wirkungskraft verholfen. Dem verführerischen Charme seines (vom väterlichen Vorbild übrigens gänzlich emanzipierten) «Don Giovanni» (2005) etwa konnte man sich nicht entziehen.
Johannes Felsenstein ist vielleicht der letzte Regie führende Intendanten-Patriarch. Dessau wagt folgerichtig mit dem 25 Jahre jüngeren André Bücker und seiner Chefregisseurin Andrea Moses ab Beginn der neuen Spielzeit einen radikalen Neuanfang. Das neue Team wird sich natürlich am allgegenwärtigen Erbe seines Vorgängers reiben – aber auch an dessen Erfolgen beim Publikum messen lassen müssen.