Packendes italienisches Musiktheater in Deutschlands nördlichstem Opernhaus: In Flensburg stellte Jan-Richard Kehl, neuer Operndirektor des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters, eine bemerkenswerte «Tosca» auf die Bühne, in der ungeschönt das enorme Aggressionspotenzial des Stücks freigelegt wurde. Ein Psychodrama der Brutalität und der sexuellen Begehrlichkeiten, kulminierend in der Folterszene des zweiten Aktes, in der sich Dia- und Filmeinblendungen von jüngst öffentlich gemachten Perversitäten aus Guantánamo und dem Irak mit jenen im Schattenriss sichtbaren Grausamkeiten mischten, die an Cavaradossi verübt werden. Beklemmende Momente von großer Suggestivkraft, getragen von dem unter Gerard Oskamp spannungsreich musizierenden Orchester und von Sängerpersönlichkeiten, die spürbar in ihren Rollen aufgingen.
An der Spitze Susanna von der Burgs Tosca, die das Zärtliche wie das Exzentrische, die Verletztheit wie das raubtierhaft Gefährliche der Figur facettenreich ausspielte und ihren dramatisch fundierten Sopran schlank und beweglich zu führen wusste. Daneben Alan Cemore als Scarpia mit einem breiten stimmlichen Spektrum zwischen Eleganz und offen ausbrechender Gewalt sowie Daniel Magdal als ein Cavaradossi von viriler Italianità, dessen Tonproduktion im ersten Akt zwar noch unter leichtem Überdruck stand, der in der Arie im dritten und besonders in den «Dolci mani» aber auch zu schönen Mezzavoce-Passagen fand. Um die drei herum ein gesanglich zuverlässiges, von der Regie geschickt geführtes Ensemble, das zu einer für ein Haus dieser Größenordnung erstaunlich homogenen Gesamtleistung beitrug.
Puccini: Tosca.
Premiere am 16. September 2006, besuchte Vorstellung am 23. Januar 2007. Musikalische Leitung: Gerard Oskamp, Inszenierung: Jan-Richard Kehl, Ausstattung: Udo Hesse, Chor: Raimund Heusch, Kinderchor: Oxana Sevostianova. Solisten: Susanna von der Burg (Tosca), Daniel Magdal (Cavaradossi), Alan Cemore (Scarpia), Bernhard Christian Berger (Angelotti), Peter Schulz (Mesner), Jin-Hak Mok (Spoletta), Ansgar Hüning (Sciarrone), Alexej Lykov (Gefängniswärter), Dmitri Metkin (Roberti), Gabriela Kuhn (Hirte).