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Kurz berichtet

Berg: Wozzeck
Flensburg

In der Szene beim Doktor hängt der Titelheld an demselben Schlachterhaken, an dem zuvor eine tote Sau gebaumelt hat. Will sagen: Wozzeck ist ein armes Schwein – so, auf den drastischen Punkt gebracht, lautet die metaphorisch verbrämte Aussage des Regie führenden Flensburger Operndirektors Jan-Richard Kehl. Und so schickt er seinen Wozzeck denn auch durch die weitere Handlung, mit blutbespritzter Gummischürze, umgeben von grotesken, skurrilen Typen, die ihm mit Unverständnis begegnen und deren abweisende Haltung ihn schließlich zum Mord und in den Tablettentod treibt. Eine konsequente, trotz einzelner Abweichungen vom Original stets nah am Sinn des Stücks bleibende Inszenierung, die sich abspielt in einem abstrakten, von rechtwinklig zueinander angeordneten Laufstegen bestimmten Bühnenbild (Paul Zoller).
Man ist betroffen – sowohl vom Bühnengeschehen wie auch von der musikalischen Ausdeutung der Partitur durch Flensburgs neuen, jungen GMD Mihkel Kütson, der die Schwierigkeiten mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit meis­tert. Die zahlreichen kammermusikalischen Instrumentalpassagen werden sensibel ausgeleuchtet, die orchestralen Aufgipfelungen kraftvoll, aber ohne Bombastik gestaltet. Dazu Sänger, deren spürbare Kompetenz für diese Musik dem Haus Ehre macht, angeführt von Alan Cemores dunkel grundiertem, leidensfähigem Wozzeck und Sabina Martins Marie mit einem breiten Spektrum zwischen dramatischem Ausbruch und bewegenden lyrischen Momenten. Aber auch der Hauptmann von Holger Ries mit charaktervoll-offener Tenorhöhe, der mit markanter Basstiefe auftrumpfende Doktor von Peter Schulz und der heldentenorale Tambourmajor von Michael Ende, vom Regisseur als brutaler neonazistischer Demagoge gezeichnet, bleiben im Gedächtnis. Ein erneuter Beweis, wie sehr dieses in seiner Anfangszeit vor mehr als achtzig Jahren als fast unspielbar geltende Stück mittlerweile auch für kleinere Häuser erreichbar ist.

Berg: Wozzeck.
Premiere am 15., besuchte Vorstellung am 18. September 2007. Musikalische Leitung: Mihkel Kütson, Inszenierung: Jan-Richard Kehl, Bühnenbild: Paul Zoller, Kostüme: Annette Braun, Chor: Raimund Heusch, Kinderchor: Oxana Sevostianova. Solisten: Alan Cemore (Wozzeck), Michael Ende (Tambourmajor), Jin-Hak Mok (Andres), Holger Ries (Hauptmann/Narr), Peter Schulz (Doktor), Markus Wessiak (1. Handwerksbursche), Bernhard Christian Berger (2. Handwerksbursche), Sabina Martin (Marie), Astrid von Feder ­(Margret), Manuel Wanger (Mariens Knabe).


Gerhart Asche / opernwelt / Seite 47 / November 2007

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