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Im Focus

Herbstfarben
Renée Fleming, Diana Damrau, Sophie Koch und Christian Thielemann in Baden-Baden: Albrecht Thiemann über einen «Rosenkavalier» der Luxusklasse

Der Starkult, den die Klassikindustrie seit Jahren immer unbedenklicher pflegt, kreist vor allem um Glanz und Glamour. Für Sängerinnen bedeutet dies: Nur wer sich im Model-Look vermarkten lässt, nur wer im Fernsehen oder in der Werbung auftaucht, spielt ganz oben mit. Doch wo viel Licht (und noch mehr Geld) ist, gibt es bekanntlich auch viel Schatten. Die zur Gloriole verklärte Maske der Perfektion entpuppt sich manchmal als Fluch – zum Beispiel dann, wenn das vokale Profil einer Künstlerin hinter dem fabrizierten PR-Image zu verschwinden droht, das ihr die Aufmerksamkeit der TV-Öffentlichkeit sichern soll. Der Blick ist dann so festgelegt wie das Ohr, man sieht und hört nur noch, was ins geschminkte Bild passt.

Zu den Diven, die dieses profitable Spiel mitspielen, gehört zweifellos Renée Fleming. Doch an der amerikanischen Sopranistin kann man auch exemplarisch ablesen, wie stark die Wahrnehmung sängerischer Leistungen auf der Bühne mitunter durch Vor-Urteile beeinflusst ist. Darauf deutet nicht zuletzt manche kritische Reaktion auf ihren jüngsten Live-Auftritt als Marschallin im Baden-Badener Festspielhaus. Den Ruf der beautiful voice, die sich an der Droge eines Schönklangs berauscht, die Anmutung der edel gestylten Stimmfetischistin, die jeden Ton lächelnd in pures Gold verwandelt – die Geister, die Renée Fleming selbst mit herbeirief («I Want Magic») und die sie auf die Rolle des elegantesten Luxussoprans unter der Sonne reduzieren, wird sie auch dort nicht los, wo die Stimme mehr und anderes sagt. Wie Fleming etwa im ersten Aufzug – gerade hat sich Baron Ochs aus dem Salon verfügt («Da geht er hin, der aufgeblas’ne, schlechte Kerl») – die Melancholie einer reifen Frau verströmt, die an der Liebe (ver-)zweifelt, wie sie, in betörendem Pianissimo, die Wehmutstöne einer Aristokratin trifft, die das Ende ihrer Zeit spürt, all das zeugt von großartig differenzierender Gestaltungskraft. Mitunter schwingt das ganze Stimmungsspektrum des «Rosenkavalier» in einer einzigen Phrase mit («Und in dem Wie, da liegt der ganze Unterschied»): Grazie und Ernst, Leichtfertigkeit und Trauer, Hell und Dunkel. Und wenn Fleming im bis zum zweigestrichenen G hinaufsteigenden Monolog der Marschallin über die Zeit und die Vergänglichkeit «die Uhren stehen» lässt, dann stockt einem der Atem, so tief ist sie hier in die verschattete Seele der Figur eingetaucht.

Der Tränenzauber dieser Stelle steckt freilich auch in den gläsernen, unwirklich irisierenden Tönen der Harfen und Celesta, die das Innehalten der sich ihrer Einsamkeit bewusst werdenden Fürstin begleiten. Die Münchner Philharmoniker spielen dieses Detail mit bewundernswert filigranem Raffinement, noch die scheinbar unwichtigste Tongirlande wird bei ihnen zu anrührender Poesie. Christian Thielemann hat ein untrügliches Gespür für das leichtfüßige Parlando, für den saloppen Konversationsstil dieser Wiener «Komödie für Musik», auch für ihre rustikale, vorlaute, lärmende Vitalität (etwa im Beisl-Akt). Aber er hört eben auch jene von Hofmannsthal ironisch eingeschriebene und von Strauss redselig komponierte Sehnsucht nach der nur im verklärenden Rückblick heilen, verlorenen k. u. k.-Welt Maria Theresias. Die Übergabe der silbernen Rose mit ihren Celesta-Harfen-Flöten-Streicher-Arabesken und der bittersüßen Melodie der Oboe (dolce espressivo) gelingt wunderzart. Überhaupt widersteht Thielemann der Versuchung, den mäandernden Strom der (ständig variierten) Motive zu begradigen oder einzudicken. Die Musik wird weder sinnsucherisch beschwert noch banal beschönigt, man hört die Brüche und Widersprüche, das Farcehafte des Ganzen, erkennt stets den Als-ob-Charakter der unter wunderbar atmende Rubato-Spannung gesetzten Walzer. 
Auf dieses Bild sind auch die anderen Solisten eingeschworen. Diana Damrau gibt eine souverän zwischen Aufbegehren, Hingabe und Gehabe changierende Sophie, selbst in den Höchstlagen der Partie («Wie himmlische...») klingen die Linien klar, anmutig, wie mit dem Silberstift gezeichnet. Sophie Koch ist ein Octavian von raumgreifendem Format, herb, energetisch, androgyn in Timbre und Erscheinung. Der 71-jährige Franz Grundheber singt Vater Faninal mit makelloser Technik und beeindruckender vokaler Präsenz. Sängerische Tugenden, die man Franz Hawlata leider nicht nachsagen kann: Als Darsteller meistert er den polternden Ochs mit Bravour, die Stimmführung indes lässt nuancierende Kontrolle vermissen.
Für die drei Januar-Aufführungen im Baden-Badener Festspielhaus hatte Alejandro Stadler die Salzburger Produktion von Herbert Wernicke aus dem Jahr 1995 reaktiviert (siehe OW 9/1995). Dass Wernickes Spiegelkabinett an der Salzach seinerzeit Proteststürme auslöste und aus dem Programm genommen werden musste, ist heute kaum mehr nachzuvollziehen. 
 
Strauss: Der Rosenkavalier.
Premiere am 24. Januar 2009 (Premiere der 
Salzburger Originalproduktion am 30. Juli 1995).
Musikalische Leitung: Christian Thielemann, Inszenierung und Ausstattung: Herbert Wernicke, Neueinstudierung: Alejandro Stadler, Chor: Walter Zeh, Kinderchor: Waltraud Kurz.
Solisten: Renée Fleming (Feldmarschallin), Sophie Koch (Octavian), Diana Damrau (Sophie), Franz Hawlata (Baron Ochs auf Lerchenau), Jonas Kaufmann (Ein Sänger), Franz Grundheber (Herr von Faninal), Irmgard Vilsmaier (Marianne Leitmetzerin), Wolfgang Ablinger-Sperrhacke (Valzacchi), Jane Henschel (Annina) u. a.

Albrecht Thiemann / opernwelt / Seite 16 / März 2009

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