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Alban Bergs «Lulu», inszeniert von Peter Stein in Lyon und bei den Maifestspielen in Wiesbaden

Das schöne, wilde Tier reizt unablässig Theater und Regisseure. Direkt nach Calixto Bieitos exzessiver Strip- und Seelenorgie in Basel folgten zwei weitere Inszenierungen: an der Opéra de Lyon und am Staatstheater Wiesbaden, wo «Lulu» anspruchsvoll die Maifestspiele eröffnete.
Im Vergleich der Aufführungen könnte man sagen: Mit Bergs «Lulu», die natürlich auch Frank Wedekinds «Lulu» ist, lässt sich viel anstellen. Die Dame ist biegsam und wandlungsfähig. Wenn allerdings ein Regisseur wie Bieito fast ausschließlich seine sexuellen Fantasien auf das Werk projiziert, dann fallen dafür andere Aspekte, inhaltlicher und vor allem formaler Art, einfach unter den Tisch. Wie sehr Opernregie manche Werke mit extravaganten Interpretationen nicht weitet, sondern perspektivisch oft bis zur Einfalt verengt, das konnte man im Umkehrschluss in Lyon erfahren. Für Peter Stein, der mit «Lulu» das halbe Dutzend seiner Inszenierungen für dieses Haus füllte, ist ein theatralisches Kunstwerk, sei es Schauspiel oder Oper, kein Steinbruch für private Obsessionen. Stein ist einer der wenigen Regisseure, die vor allem dem jeweiligen Autor vertrauen. Gerade bei der dreiaktigen «Lulu»-Fassung erweist sich sein ausgeprägtes Formbewusstsein als wichtige Voraussetzung einer das Werk durchdringenden Gesamtdarstellung.
Bisher waren es vornehmlich Dirigenten wie Pierre Boulez und Michael Gielen, die auf formalen Zusammenhalt und Korrespondenzen zwischen den szenischen und musikalischen Strukturen achteten. In einen solchen Zusammenhang stellt Peter Stein die Figuren des «Lulu»-Dramas. Als Zuschauer verfolgt man mit steigender Bewunderung, auch mit wachsendem Vergnügen, wie Gesten, Gebärden, Körperhaltungen, Bewegungen zu einem reich facettierten Kanon musikdramatischer Darstellungskunst zusammenwachsen. Die Geschichte und ihre Bedeutungsschichten erfährt man bei solcher Präzisionsarbeit quasi von allein. Und genau das ist alles andere als selbstverständlich. Denn Wedekinds zirzensisch-groteske Attitüde, Bergs tiefe Empfindsamkeit für die Titelgestalt, der Tragödinnen-Entwurf für die Gräfin Geschwitz, dazu die Einbettung des dramatischen Personals in ein konkretes gesellschaftliches und zeittypisches Sittenbild (kulminierend im Paris-Bild des von Friedrich Cerha «hergestellten» dritten Aktes) – das alles fügt sich keineswegs automatisch zusammen.
Der einzelne Sänger gewinnt bei Peter Stein große Plastizität in Ausdruck und Spiel. Laura Aikin ist in Erscheinung, tänzerischer Grazie und mimisch-gestischer Differenzierung so etwas wie ein Glücksfall. Der ganze Aspektreichtum der Lulu wird erkennbar: eine romantisch-unwissende Zerstörerin, ähnlich den sehnsuchtsvollen Naturwesen der Romantik, die Männer in den Abgrund ziehen, andererseits aber auch eine resolute Person, die durchaus ihre handfesten Interessen verfolgt. Dass Lulu letztlich scheitert, darf man im Sinne Bergs durchaus als Tragödie sehen: Ein Mensch wird durch die Gesellschaft und deren materialistische Mechanismen zerstört.
Der Abend akzentuiert, auch in der Optik der Bühnenbilder und Kostüme (Ferdinand Wögerbauer/Moidele Bickel) den zeithistorischen Hintergrund des Stoffes und gewinnt dadurch hohe psychologische Plausibilität und Authentizität, zu der auch Momente des Absurden, Grotesken, Clownesken gehören: «Lulu» als breites Zeitpanorama. Die Figuren wirken wie aus einem Bilderreigen in lebendigste Theaterwirklichkeit überführt: Stephen Wests imposanter Dr. Schön, Thomas Piffkas tenoral strahlender Alwa, Franz Mazuras großartiger Schigolch (er hat diese Partie schon in der Pariser Uraufführung der dreiaktigen «Lulu» vor drei Jahrzehnten gesungen, die Stimme besitzt immer noch Rundung und bemerkenswerte Ausdruckskraft). Eindringlich auch Hedwig Fassbenders Geschwitz sowie Roman Sadniks Maler. Dass durchweg hervorragend gesungen wurde, sicherte der Aufführung hohe Qualitäten. Dazu zählt auch der Orchesterbeitrag. Die Instrumentalisten des Orchestre de l’Opéra de Lyon fanden unter Kazushi Ono zu einem wunderbar transparenten, klangsensiblen Musizieren. Kammermusikalisch-kontrapunktische Finessen wurden ebenso erhellend herausgearbeitet, wie das Eruptiv-Expressive bestürzende Gewalt gewann. Die Aufführung ist in der kommenden Saison an der Mailänder Scala und bei den Wiener Festwochen zu erleben, allerdings mit anderen Orchestern.



Gerhard Rohde / opernwelt / Seite 10 / Juni 2009

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