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Panorama

Politshow
Foto: Hans Jörg Michel
Mannheim: Wagner: Lohengrin

Von allen Werken Wagners bereitet der «Lohengrin» heute die größten Schwierigkeiten. Wagner hat hier ein Bündel an Motiven – Künstlerdrama, Polit-Parabel, Utopie einer herrschaftsfreien Gemeinschaft – zum Weltanschauungstheater vereint. Die ideologische Umpolung in der jüngsten Vergangenheit, bis hin zur Gleichsetzung des Schwanenritters mit Hitler, drohte das Stück vollends zu diskreditieren – umso mehr, als nicht nur der Stoff, sondern auch die Musik mit ihren Fanfaren und Aufmärschen zum Missbrauch einlud.

Tilman Knabe ist in seiner Deutung des Stücks am Mannheimer Nationaltheater nicht der Versuchung erlegen, sich auf die Seite des Rein-Menschlichen zu retten, sondern hat sich der szenisch nur schwer entwirrbaren Gemengelage von Ideologie und Politik
gestellt. Sein «Lohengrin» spielt in der Mediendemokratie von heute – in einem Fernsehstudio, in dem sich die Protagonisten theatralische Redegefechte liefern. Das mitspielende Volk ist auf die Zuschauerbänke verwiesen – es akklamiert, johlt, lacht und dies in einem Ausmaß, das immer wieder die Grenzen des musikalisch Zulässigen überschreitet und am Ende des ersten Akts in ein kollektives Besäufnis ausartet, bei dem Konfettiregen und Luftballons vom Bühnenhimmel fallen und Lichtblitze Regie führen. Bevor die Show allerdings beginnen kann, muss zu den Klängen von Wagners ätherischem Vorspiel, unter Anführung des Heerrufers (stimmlich exzellent Thomas Berau), der hier den mit Script und Stab bewaffneten Spielleiter mimt, erst noch der passende Lohengrin gefunden werden. Man rekrutiert ihn in einem brutalen Gewaltakt direkt von der Straße.

Was Knabes Sicht schnell auf die abschüssige Bahn führt und schließlich scheitern lässt, ist nicht die Grundidee – für Wagner selbst enthielt der Stoff die «Tragik des Lebenselementes der modernen Gegenwart»! –, sondern die Langeweile, in der das Spiel mehr und mehr versandet. Knabe entwickelt und variiert das Modell nicht, sondern repetiert es, mit den gängigen Versatzstücken und Gags des Regietheaters garniert. Der Schwarm der Bildreporter etwa, die sich ständig um die Akteure drücken, nervt bald nur noch. Ärgerlich auch Knabes indolente Harthörigkeit gegenüber der Musik, der alle Poesie ausgetrieben wird, ja die – etwa in der Brautgemachszene, einer Kitschapotheose samt erstem Ehekrach – geradezu der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Politisch bei Wagner ist nicht nur die hohle Phrasendrescherei der herrschenden Klasse, politisch ist auch der Glaube an eine nicht entfremdete Emotionalität. Ihre Utopie und ihr Scheitern – dies der Sinn des berüchtigten Frageverbots – finden auf der Szene keinen Widerhall.

Eine Leerstelle allerdings hat Knabe in der Parade der politischen Charaktermasken aufgetan – Elsa. Bei ihm ist die Traumselige Opfer des Patriarchats, der nur noch die Flucht in den Wahn bleibt. Cornelia Ptassek (im Julia Timoschenko-Outfit) spielt die Hysterikerin mit herzzerreißender Eindringlichkeit: haltlos, hinfällig, halluzinierend, zwischen Weinkrämpfen und manischer Glückseligkeit hin- und hergerissen. Manchmal hätte man sich etwas mehr stimmliche Wärme gewünscht – aber das sollte wohl in dieser faszinierenden Charakterstudie, die den «Sänger nur als Helfer des Darstellers» benötigt (so Wagners eigene Forderung!), nicht sein. Jedenfalls hat Ptassek, nach der «Meistersinger»-Eva und der «Rosenkavalier»-Marschallin, einmal mehr bewiesen, dass man im deutschen Fach noch Großes von ihr erwarten darf.

Schade, dass Knabe, statt seine Fantasie an szenische Kinkerlitzchen zu verschwenden, nicht an ähnlich tiefschürfenden Porträts der übrigen Protagonisten gearbeitet hat – es hätte ein Psychothriller werden können. Das Intriganten-Paar Ortrud (Judit Németh als Mannweib mit in der Höhe oft arg scharfer Tongebung) und Friedrich (Karsten Mewes als Fiesling mit finsteren Farben) bleibt ganz in der Rollenkonvention. Spielerisch blass auch der Lohengrin von István Kovácsházi, der weder potenzieller Revolutionär noch charismatischer Führer sein darf (am Schluss ergreift das Militär in der Person des Heerrufers die Macht). Sängerisch allerdings wird Kovácsházi der Partie, vom weich intonierten Pianissimo in der Höhe bis zum strahlenden Forte, auf überwältigende Weise gerecht. Selbst für die gefürchtete Gralserzählung – bei Knabe die Rücktrittserklärung des gescheiterten Politikers – besaß er noch die nötigen Kraftreserven.

Entscheidend für den musikalischen Triumph – nur der Heinrich des rau bellenden Rúni Brattaberg ist ein Totalausfall – war Dan Ettinger am Pult des wie berauscht aufspielenden Mannheimer Orchesters. Er sorgte für die selbst in den langen Rezitativstrecken niemals abflauende Spannung, modellierte jede einzelne Phrase und hielt dennoch stets den sinfonischen Zusammenhang der vielstimmigen Partitur in Fluss. Am Ende großer Beifall für Ettinger und die Solisten und ein Buh-Orkan, wie er im Nationaltheater wohl selten tobte, für das Regieteam.  

Wagner: Lohengrin.
Premiere am 3. April 2011. Musikalische Leitung: Dan Ettinger, Inszenierung: Tilman Knabe, Bühne: Johann Jörg, Kostüme: Kathi Maurer, Chöre: Tilman Michael. Solisten: Rúni Brattaberg (Heinrich), István Kovácsházi (Lohengrin), Cornelia Ptassek (Elsa), Karsten Mewes (Telramund), Judit Németh (Ortrud), Thomas Berau (Heerrufer) u. a.


Uwe Schweikert / opernwelt / Seite 46 / Mai 2011

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