An der Wiener Staatsoper gibt es eine Reihe von Produktionen, die aus eigener Kraft nicht mehr vom Spielplan herunterkommen. Doch sie wurden behalten, weil die Direktion stets argumentierte, dass zum Beispiel «Butterfly» (Premiere 1957), «Tosca» (1958), «Bohème» (1963), der «Liebestrank» (1980) «nicht notwendigerweise ständig eine neue Ästhetik» brauchten.
Der jüngste dieser Ladenhüter wäre Gounods «Faust» gewesen; die Inszenierung von 1985 fiel gegenüber den eben genannten Produktionen nicht aus dem Rahmen, denn der ansonsten exzentrische britische Filmregisseur Ken Russell bot hier bis auf ein paar kleine Provokationen (Marguerite als Nonne) konventionelles Operntheater. Man kann dies auf der beim Gelblabel erschienenen DVD mit der Premierenbesetzung Gabriela Benacková, Francisco Araiza und Ruggero Raimondi nachprüfen. Dennoch wurde gerade diese Produktion 2008 durch eine neue ersetzt. Freilich erkrankte der vorgesehene Regisseur Nicolas Joël, und die Sänger – darunter das damalige Noch-Ehepaar Angela Gheorghiu und Roberto Alagna – bastelten sich den Abend quasi zu einem Konzert im Kostüm zurecht. Daher ist es für die Fantasie des Hörers sogar von Vorteil, dass die neue Produktion bei Orfeo d’Or als Hörtheater auf CD dokumentiert wurde – allerdings nicht mit Gheorghiu/Alagna, sondern in der Besetzung der Wiederaufnahme vom September 2009.
Piotr Beczala ist ein Faust voller Glanz und Leuchtkraft. Ein wenig fehlt mir sein an Wunderlich gemahnendes Timbre, das ich in seinen frühen Zürcher Jahren so bestrickend fand; er scheint es einem neutraleren, metallischeren Zugriff geopfert zu haben. Obwohl er sich vor allem in den Piani durchaus um das Stilmittel der voix mixte bemüht, klingt er nicht unbedingt idiomatisch. Technisch untadelig, bleibt er in der vokalen Darstellung eher objektiv; so serviert er «Salut! demeure chaste et pure» quasi als Wunschkonzert-Arie. Fausts Leidenschaft wirkt bei ihm wie ein Kostüm, allerdings von einem exzellenten Couturier.
Auch die Wiege der Marguerite von Soile Isokoski stand nicht in Frankreich, doch nimmt die Finnin der Figur jede falsche Süßlichkeit, bleibt dennoch innig und berührend. Sie ist nicht die Virtuosa, die man beim vokalen Perlenspiel von «Ah! je ris de me voir» vielleicht erwartet; dennoch meistert sie die Partie von der Juwelen-Arie bis hin zum vertrackten Finale souverän (trotz einiger etwas steif klingender Töne im Stratosphärenbereich – that’s live, im Studio hätte man sie eliminiert). Kwangchul Youns Mephisto wirkt recht undämonisch; sein an sich gutes Material klingt hier rau, unausgeglichen, nicht ohne wobble. Der Eindruck, den ich von ihm bei der ersten Aufführungsserie 2008 im Haus hatte, war viel besser; nicht allen Stimmen scheint das Mikrofon wohlgesinnt. Vorzüglich der Valentin von Adrian Eröd und der Siebel von Michaela Selinger, gut charakterisiert die Marthe der Zoryana Kushpler.
In deutschen Landen galt Gounods «Faust» lange quasi als Majestätsbeleidigung, als Verkitschung Goethes. Dirigent Bertrand de Billy schützt die «Faust»-Musik mit einer inspirierten Auslegung ohne falsches Pathos vor derartigen Anschuldigungen. Er entwirft mit dem gut disponierten Staatsopernorchester beredte Klangbilder, sorgt für Spannung im großen Bogen und für subtil-farbenreiche Details, die bereits an Ravel oder Debussy denken lassen.
Und noch einmal Piotr Beczala. Der Pole, Jahrgang 1969, hat sich Zeit gelassen mit seiner Karriere, ging als 23-Jähriger 1992 ins Engagement nach Linz und dann 1996 nach Zürich, wo er vom Chefdirigenten Franz Welser-Möst, dem die Sängerpflege ein spezielles Anliegen ist, sorgsam aufgebaut wurde. Er selbst erzählte in einem Interview, dass unter den Aufnahmen, die er als junger Sänger zur Anregung suchte, vor allem jene Wunderlichs gewesen seien; schon sein Lehrer am Konservatorium in Kattowice hätte gemeint, «der Beczala klingt, wenn er gesund ist, wie der Wunderlich, wenn er krank ist» – was, obwohl natürlich ironisch gemeint, für ihn «das größte Kompliment der Welt» gewesen sei.
Dabei klingt Piotr Beczala überaus gesund, gelegentlich fast zu sehr. Vergleicht man etwa die Interpretationen von Lenskis Abschied aus «Eugen Onegin», so vermisst man hier die anrührende Innerlichkeit von Wunderlichs jungem Dichter. Bei Beczala wirkt alles eher «objektiv». Was seiner Aussage entspricht, er versuche, Gefühlsausbrüche stets zu kalkulieren – irgendwie scheint er darin ein Gegenpol zu Rolando Villazón.
Sein neues Recital ist ein Arien-Musterkoffer, der Charakterentwicklungen nicht gestattet, sondern Gefühlssituationen sofort auf den Punkt bringt. Und Beczala setzt seine vokalen Mittel variabel ein, vermag aufgrund seiner technischen Souveränität mit der Stimme bis in die höchsten Lagen zu spielen, lässt ein feines mezza voce hören – alles klingt wunderbar, stimmt auch idiomatisch, doch berührt es nicht im Innersten. Denn Theater zu machen, also mit der Stimme einen Charakter auszuformen, scheint Beczala nicht so sehr zu liegen. Daher wirken und klingen alle hier vorgestellten Figuren einander irgendwie ähnlich.
Die Dramaturgie des Albums ist interessant, bietet sie doch neben mehr oder weniger Gängigem – von Borodins «Fürst Igor» über Tschaikoswkys «Eugen Onegin», Smetanas «Die verkaufte Braut», Dvoráks «Rusalka» zu Rimsky-Korssakows «Sadko» und «Die Mainacht» – auch Ausschnitte aus wenig bekannten Werken etwa von Feliks Nowowiejski, Wladyslaw Zelenski, Anton Stepanovich Arensky sowie im Westen kaum gespielter Opern von Stanislaw Moniuszko.
Gounod: Faust.
Piotr Beczala (Faust),
Soile Isokoski (Marguerite), Kwangchul Youn (Mephisto), Adrian Eröd (Valentin),
Michaela Selinger (Siebel), Zoryana Kushpler (Marthe), Hans Peter Kammerer
(Wagner). Chor und
Orchester der Wiener
Staatsoper, Bertrand de Billy.
Orfeo d’Or C 805 103 D
(3 CDs); AD: 2009 (live).
Piotr Beczala:
Slavic Opera Arias.
Arien und Szenen aus Opern von Borodin, Tschaikowsky, Rimsky-Korsakow, Smetana,
Dvorák, Moniuszko, Nowowiejski, Zelenski, Arensky.
Polnisches Radio-Symphonieorchester, Lukasz Borowicz.
Orfeo CD C 814 101 A (CD); AD: 2009.