13.02., Leipzig, Gewandhaus: Beethoven, Brahms u. das Mendelssohn-Violinkonzert mit Nikolaj Znaider, Leitung: Riccardo Chailly
Es ist erst wenige Tage her, da stellte Riccardo Chailly die 230. Gewandhaus-Saison 2010/2011 vor, seine 6. Spielzeit mit dem Orchester in Leipzig. Das Programm der Saison ist geprägt von zwei Komponisten: Schumann und Mahler. Tradition: ja. Veraltet: nein. Zu Brahms zweiter Sinfonie meinte er nicht wenig selbstbewusst, sie würde zwar geprägt von der langen Gewandhaus-Tradition gespielt werden, jedoch «ohne Autopilot». Einen Eindruck davon bekam man im gestrigen Konzert.
Beethovens Leonore-Ouvertüre Nr. 3 eröffnete den Abend, ließ das Orchester glänzen und den Dirigenten auf seinem Podest nahezu tanzen. So viel Dynamik hatte man in letzter Zeit beim Gewandhausorchester ein wenig vermisst. Mit viel Schwung und einem farbenfrohen, intensiven Zusammenspiel legte die Ouvertüre die Messlatte für die folgenden zwei Werke in schwindelerregende Höhe, bei der es der Solist Nikolaj Znaider nicht ganz einfach haben sollte.
Das populäre Violinkonzert in e-Moll von Mendelssohn begann mit großen Gesten des Geigers, der vor allem mit der Kadenz in der Durchführung des ersten Satzes sein virtuoses und zweifellos auch sehr anmutiges Spiel hervorhob. Einmal musste Chailly Znaider aber ein wenig vorantreiben, denn dieser wollte wohl länger auf der Bühne stehen bleiben, als das Orchester, welches ihm ein wenig vorauseilte. Spätestens im Mittelteil zog sich das eigentlich sehr gut gespielte Werk in die Länge und nach langem Beifall des Publikums spielte Znaider noch ein Solo, welches kleine Unstimmigkeiten im Werk zuvor vergessen ließ.
Auf Brahms konnte man, aufgrund der vor ein paar Tagen gemachten Aussagen von Chailly sehr gespannt sein. Doch zumindest der Anfang des ersten Satzes wurde eindeutig mit eingeschaltetem Autopilot gespielt. Chailly bemerkte den Fehler und gegen Ende des ersten Satzes gab es die erste außergewöhnlich lebendige Stelle. Von da an wurden die folgenden Sätze zu einem wirklichen Vergnügen. Die Crescendo-Tuttis im langsamen H-Dur-Satz wirkten wie Wellen von einer Instrumentengruppe zur anderen, einheitlich und dynamisch. Man konnte Chailly mehr mit dem Gesicht als mit dem Taktstock arbeiten sehen, wenn er die Oboe fast spielerisch neckte, die ihm am Anfang des dritten Satzes das wunderbare Thema vorspielte. Insgesamt hat Chailly sich mit Erfolg bemüht, Brahms nicht altbacken wirken zu lassen. Nicht Brahms der Konservative sondern «Brahms the progressive», wie Schönberg ihn einst in einem Aufsatz nannte.
Es folgte langer Beifall, vereinzelt stehende Ovationen und eine Zugabe, bevor das Gewandhausorchester mit Chailly und auch Znaider sich anlässlich einer USA-Tournee, die bis zum 28.02. andauern wird, vom Leipziger Publikum verabschiedete.