19.11.09: Bachs entfernter Vetter Johann Ludwig ist eine echte Entdeckung: Seine „Trauermusik“ erklang im Berliner Kammermusiksaal.
Man ist ja immer ein bisschen skeptisch, wenn wieder eine Ausgrabung präsentiert wird: Lohnt es sich wirklich? Kann das Werk mithalten im Kanon? Johann Ludwig Bachs (1677-1731) „Trauermusik auf Herzog Ernst Ludwig von Sachsen-Meiningen“ kann. Gerade im Kontrast mit Bachs Motette „Jesu meine Freude“, die beinahe gleichzeitig entstand.
Aber welche Welten liegen zwischen beiden Werken! Der RIAS-Kammerchor unter Hans-Christoph Rademann und die Akademie für Alte Musik stellen sie lustvoll gegeneinander, Johann Sebastians innig-andächtige, kunstvoll kontrapunktisch gearbeitete fünfstimmige Motette und Johann Ludwigs theatral-opernhafte Begräbnismusik.
Doppelchörig und überaus prächtig hat er sie gestaltet, mit Pauken und Trompeten, diversen obligaten Instrumenten und vier Solisten, bei deren Virtuosität Johann Sebastian grün vor Neid geworden sein muss, als er in die Partitur schaute: Von solchen sängerischen Fähigkeiten konnte er mit seinem Knabenchor nur träumen. Die ausgezeichneten Solisten des Abends ließen dabei keine Wünsche offen – vor allem Sopran (Anna Prohaska) und Bass (Andreas Wolf) bewiesen, dass ihnen zu Recht eine große Zukunft prophezeit wird.
Nicht, dass Johann Ludwigs Musik nur doch virtuose Koloraturen zu bestechen wüsste. Kühne Harmonien, vertrackt gegeneinander gesetzte Rhythmen und regelrecht orchestrierte Choräle zeigen ihn als einen Komponisten auf der Höhe seiner Zeit, viel moderner als sein entfernter Verwandter in Leipzig.
Andacht als Theater: Das muss eine aufregende, auch fröhliche Beerdigung gewesen sein, zu der diese Musik erklang. Und dass es dem Dirigenten und seinen Ensembles gelingt, Johann Sebastian Bachsche Theologie ebenso überzeugend zum Klingen zu bringen wie die Johann Ludwig Bachsche Reiseerzählung vom düsteren Erdenleben bis zur trunkenen Freude im Jenseits ist das eigentlich Bemerkenswerte. Von der exzellenten Klangbalance (in der Motette nur ein Cello und ein Kontrabass) mit einem großen Chor, der trotzdem intim klingt und über ein wundervolles Piano verfügt, über den Mut zum Risiko vollendeter Durchsichtigkeit bis zur äußerst präzisen Artikulation in Chor und Orchester ist hier alles perfekt gelungen.
Hoffentlich kommt die geplante CD-Aufnahme des Werks zustande!