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Klavier-Kult
Sokolov in Aktion; Foto: AMC
Grigory Sokolov mit Bach, Brahms und Schumann in der Berliner Philharmonie.

Ein Mann, ein Klavier - das sind die Spielregeln. Seit der 1950 in St. Petersburg geborene Pianist Grigory Sokolov Anfang der 90er Jahre begonnen hat, auch diesseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs die großen Konzertsäle zu erobern, gilt er als Ausnahmeerscheinung. Nicht nur, weil sein Anschlag so übermenschlich nuanciert ist, dass man glauben möchte, seine zehn Finger seien allesamt Interpreten «of their own right», sondern auch und vor allem, weil Sokolov weder mit Orchestern auftritt noch ins Aufnahmestudio geht - was allen Regeln des Musikbusiness widerspricht.

Dieses Verhalten hat ihn zum heimlichen Rock`n`Roll-Star der Pianistenszene gemacht - und zum Garanten für volle Häuser. Das Publikum in der Berliner Philharmonie ist gemischt: die Berliner Musikprominenz fläzt sich in Block A, weiter oben sitzen eine Menge Philharmonie-Debütanten, die sich offenbar vom Nimbus des «doesn`t-wannabe-Stars» haben anlocken lassen.

Eine Hand hinter dem Rücken à la Großkellner kommt Sokolov zackig auf die Bühne gelaufen. Er beginnt mit der zweiten Bach-Partita in c-moll. Altmodisch große Bögen und gelegentliche Pedaltupfer stehen im interessanten Kontrast zur akribischen Kontrastierung der einzelnen Stimmen - die bisweilen eine derartige Autonomie entwickeln, dass sie nicht mehr so recht zusammenfinden wollen.

Es folgen die Fantasien op. 116 von J. Brahms, in denen Sokolov besonders die Dissonanzen so fein herausarbeitet, dass man meint, dabei zuzuschauen, wie eine besonders kunstvolle, mit fremden Farben durchwirkte Stickerei entsteht.
Die Kompliziertheit des Werks offen legen, nie «drüber hinweg spielen»: diesen Grundsatz wendet Sokolov auch auf Schumanns sperriges «Konzert ohne Orchester» an, ein selten gespieltes Stück, dem er viel Sturm und Drang abgewinnt - ohne übrigens jemals laut zu werden, denn seine Stärke ist das Piano, in dem er sich mal auf Zehen- bzw. Fingerspitzen, mal entschieden schreitend bewegen kann.
 
Die Sokolov-Fans haben beim anschließenden Applaus eine Ausdauer, die vermuten lässt, dass sie sich prophylaktisch eine Hornhaut angeklatscht haben. Auch der Beklatschte dreht auf - zwar gibt er den riesigen Blumenstrauß, den ihm eine Philharmonie-Hostess überreicht, sofort wieder zurück, als verstehe er überhaupt nicht, was damit gemeint ist, doch dann setzt er sich wieder ans Klavier.

Drei eher hingeschluderte Chopins – ein schnoddriger Tribut an den Jubilar, dessen 200. Geburtstag dieses Jahr gefeiert wird - und drei magische Skriabins gibt er zu. Der Abend endet in Hochform: piano, piano.


26.03.2010 Sophie Diesselhorst

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