Mikis Theodorakis ist einer der namhaftesten zeitgenössischen Komponisten. Dessen ungeachtet ist sein umfangreiches Gesamtwerk bis zum heutigen Tage relativ unbekannt geblieben. Nicht nur musikalisch ist dieser Mann eine Ausnahmeerscheinung - anlässlich seines 85. Geburtstages zeichnet ein reichhaltig ausgestatteter Bildband inklusive CD und DVD sein bewegtes Leben nach.
Mit acht Jahren sah der in der griechischen Provinz aufwachsende Mikis Theodorakis zum ersten Mal einen Dirigenten. Als er seine Mutter fragte, was das zwanghafte Herumfuchteln des Mannes zu bedeuten habe, antwortete sie ihm mit einem erstaunlichen Satz: «Er leidet». «Da begriff ich», schreibt er in dem gerade erschienenen Band, «dass Kunst und Musik Schmerz bedeuten».
Noch nicht einmal volljährig, musste Theodorakis als politischer Gefangener zum ersten Mal Folter erdulden. Denn er war nicht nur Komponist, sondern auch Kommunist. Während seiner Internierung lernte er, dass Menschen meistens gutherzig wurden, wenn sie verfolgt waren. Wieder in Freiheit, wurden Mitgefangene plötzlich zu Peinigern. Musste man also erst ein Verfolgter sein, um Mensch zu werden? «Ich verzweifelte vollkommen am Menschen und sah, dass mir nur eins bleibt: Musik zu schreiben.»
Theodorakis gab sich der Musik ganz hin, sie war Fluchtpunkt, Trost und wichtigster Lebensinhalt. Er schulte sich, indem er Werke anderer Komponisten abschrieb und so verinnerlichte. Auf Kreta bereichert er sein fundiertes musiktheoretisches Wissen um die Kenntnis der griechischen Volksmusik, ab 1960 beschäftigte er sich zwei Jahrzehnte lang fast ausschließlich mit der Liedform, um in den Achtziger Jahren zur Sinfonik zu gelangen. Seine bedeutendsten Werke auf diesem Gebiet sind die Dritte, die Vierte und die Siebte Sinfonie, die Sadduzäer-Passion und das Requiem.
Bis zum engültigen Sturz der faschistischen Junta in Griechenland 1974 war sein Leben - abgesehen von der Musik - ein Wechsel aus Politaktivismus, Verbannung und Exil. Noch lange pendelte er zwischen Paris und Athen, in der französischen Hauptstadt studierte er bei Eugéne Bigot und besuchte auch Olivier Messiaens Seminar für Musikanalyse, den Quasi-Salon, den alle Musikstars der Epoche durchquerten. Um von seiner Arbeit leben zu können, komponierte er seit 1958 auch viel Filmmusik. Sein Soundtrack zu «Alexis Zorbas» ist das einzige, was beinahe jeder mit ihm verbinden kann. Die Reduktion auf die Zorbas-Komposition schmerzt ihn allerdings nach eigenen Angaben bis heute.
Zu den Sinfonikern westlicher Prägung wollte sich Theodorakis nie zählen, erst Recht nicht zu einer Clique elitärer Avantgardisten, deren Attitüde ihm zeitlebens fremd blieb. «Ich konnte mich einfach nicht damit abfinden, dass die Dialogpartner für meine Musik nur ein paar Auserwählte der Gesellschaft sein sollten, zu denen ich keinerlei Beziehung hatte, weder geistig noch biografisch», notiert er. Der Dialog zwischen der Musik und dem (griechischen) Volk war ihm wichtig. Allein in den vier Exiljahren von 1970-74 gab er weltweit über 500 Konzerte, und zu jedem kamen Tausende Zuschauer. In Südamerika, den USA, Kanada oder Spanien, überall trat er vor gefüllte Stadien.
Der jetzt bei Schott erschienene Band «Mikis Theodorakis - Ein Leben in Bildern» illustriert mit Texten von Theodorakis selbst, kurzen Beiträgen von Weggefährten, ausführlichen Interviews und Hunderten von Fotos die Standhaftigkeit und den tiefen humanistischen Anspruch eines Mannes, der sein Leben der Musik und dem Kampf für mehr Menschlichkeit gewidmet hat - beides war für ihn nicht voneinander zu trennen.
Bezaubernde und bisher unveröffentlichte Aufnahmen, von Theodorakis selbst eingesungene Lieder, mit denen er späteren Interpreten den Charakter seiner Kompositionen demonstrieren wollte, bereichern den dokumentarischen Charakter des Buches um die akustische Dimension. Auf einer weiteren CD sind 19 Stücke des Komponisten zusammengestellt, die Einsteigern die Bandbreite seines Schaffens von Kammermusik, über Sinfonik bis hin zu Ballett- und Opernkompositionen vorstellen.
Eine DVD, auf der die chilenische Premiere des Oratoriums «Canto General» nach Texten von Pablo Neruda nachzuerleben ist (die auf Grund des Militärputsches in Chile 1973 erst mit 20-jähriger Verspätung stattfand) rundet das empfehlenswerte Gesamtpaket ab.
Asteris Kutulas: Mikis Theodorakis - Ein Leben in Bildern (Schott), 160 Seiten, 300 Abbildungen, mit 1 DVD und 2 CDs, Hardcover mit Schutzumschlag, € 49,95
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