Die Songwriterin Marlen Pelny hat ein Album veröffentlicht, das Genregrenzen sprengt: Interviews zwischen Lyrik und Musik.
Kunst und Kultur – manchmal wird das wieder blitzartig bewusst – finden nicht nur im Umfeld von Literaturnobelpreisen, Stadttheatern oder Echo-Galas statt, und auch nicht innerhalb der von Verlagen und ihren ISBN-Nummern gesetzten Grenzen. Manchmal findet sich Poesie direkt vor der Haustür, wo ein Gedicht an einem Laternenpfahl klebt. Oder man bekommt eine CD empfohlen, die es bei Amazon nicht zu kaufen gibt. Darauf sind vertonte Interviews. Was das wohl für ein Genre ist? Wer macht sowas und warum?
Die CD heißt «Im Süden beginnt die Stadt». Auf dem schwarz-weißen Cover zeigen sich spärliche Baumwipfel und fliegende Vögel, innen biegt sich Schilf sanft im Wind, die elf Tracks enthalten mit dezenten Klangmustern hinterlegte Interviews. Am Anfang steht ein Song. «Ich schau mir alles an und ich hoffe, dass ich bleiben kann», singt Marlen Pelny. Bald schält sich ein Leitmotiv heraus: Es geht um die Beziehungen zu einer Stadt – zu Leipzig: «Wenn Leipzig ein Mensch wär», «Da ist zu dieser Stadt eine Liebe gewachsen», «Ich mag aufregende Städte, aber ich weiß nicht ob ich wirklich in der Lage bin, in einer aufregenden Stadt zu leben…». Jede Bindung an die Stadt ist persönlich und spiegelt ganz unterschiedliche Biografien. Die Befragten stammen aus der kreativen Szene Leipzigs. In ihrem ganz eigenen, mehr oder weniger regional geprägten Sprechduktus erzählen die Stimmen von ihrer Stadt – mitunter überschwänglich, mal sachlich, nicht nur positiv – und eigentlich geht es ihnen um Heimat: «Heimat ist da, wo man herkommt. Ne neue Heimat wird’s nicht geben.» Oder distanziert: «Es ist meine Heimatstadt. Ich muss da nicht unbedingt wieder hin. Ich kleb nicht dran.»
Im thüringischen Nordhausen geboren und in Halle aufgewachsen, lebte Marlen Pelny fünf Jahre in Leipzig und seit vier Jahren in Berlin.
«Was für mich Heimat ist – darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Heimat ist immer für mich dann da, wenn ich nicht weg will», erzählt sie im Gespräch. Das Konzept von «Im Süden beginnt die Stadt» ist eine echte künstlerische Notgeburt. Ein Stipendium der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen führte zuerst einmal zu einer Schreibblockade. «Ich habe gemerkt, dass ich gerade gar nichts schreiben kann, und gedacht, ich muss jetzt jemand anderen was erzählen lassen. Und es ist immer so, wenn ich nicht schreiben kann, kann ich aber Musik machen. So kam die Idee zustande.» Von den rund 20 Interviews, die Marlen Pelny führte, gelangten nur 11 auf die CD. Die verwendeten O-Töne blieben ungeschnitten – in ihren natürlichen Rhythmus fügen sich sparsam und etwas melancholisch akustische Gitarre, Bass, Schlagzeug. «Mir ist erst viel später aufgefallen, dass das ein ganz neues Genre ist. Und dann habe ich gemerkt, dass ich gespannt darauf bin, wie es genannt wird. Einer hat geschrieben: ‹CD Schrägstrich Hörbuch›. Aber es sind ja auch Songs.»
Marlen Pelny bewegte sich bisher immer zielsicher jenseits der ausgetretenen Pfade. Dem klassischen Gitarrenunterricht mit Spielen vom Blatt zog sie das Schrammeln nach Grifftabellen vor, und ihr erster Auftritt erfolgte eher unfreiwillig – als sie mit Gitarre in einem Club auftauchte und als Ersatz-Act auf die Bühne geschoben wurde. «Bis dahin hatte ich meine Songs eigentlich nicht zum Auftreten gemacht.» Es folgten Auftritte bei zahlreichen Slam-Poetrys, Konzerte, mehrere CDs – u.a. mit dem Songpoetryduo «sonntags» –, die Mitarbeit an einigen Filmen, ihr erster Gedichtband «Auftakt» sowie die enge und fruchtbare Zusammenarbeit mit der Lyrikerin Ulrike Almut Sandig. Beide gründeten die Literaturgruppe «augenpost», die ihre Gedichte in den Straßen verschiedener deutscher Städte plakatierte.
Auch dieses Projekt arbeitet an der Poetisierung des Alltags, der im Gegenzug der Kunst Authentizität verleiht. «Worum es mir geht, ist Ehrlichkeit.» In den Arbeiten von Marlen Pelny wird eine gewisse Unvorhersehbarkeit bewusst zugelassen, was allzu viel Glätte vermeidet, jeden Auftritt anders macht oder auch mal eben ein neues Genre schafft. Das Konzept der «vertonten Interviews» soll einen Nachfolger haben, verrät sie – das Thema ist allerdings noch geheim.
Weniger kontinuierlich wird ihr Weg als Bühnenmusikerin werden: Seit Kurzem ist sie Mitglied der Trash-Band «Zuckerklub». «Ich habe immer gemerkt, wenn ich mit meinen Sachen auf die Bühne gehe: ich kann nicht nur dasitzen und meine Songs spielen, sondern ich fange an Witze zu erzählen und überhaupt die Traurigkeit, die in den Texten steckt, leichter zu machen. Irgendwas muss da scheinbar raus. Und dann hab ich diese Band gefunden. Und es hat total funktioniert.» Einen ersten Auftritt gab es bereits. Bevor es vielleicht ins Studio geht, erscheint zunächst ihr neues Solo-Album «Fischen» – zum ersten Mal bei einem Label (kook).
Weitere Arbeiten von Marlen Pelny (Auswahl):
der tag, an dem alma kamillen kaufte
Hörbuch (mit Ulrike Almut Sandig)
Edition Wörtersee
Connewitzer Verlagsbuchhandlung
Auftakt
Gedichte
Edition Wörtersee
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