Es ist mal wieder soweit: Die Entwicklung des Tonträgers macht ihren nächsten großen Schritt. Und die Antwort auf die Frage, was nun auf Wachszylinder, Schellackplatte, Vinyl, Kassette und CD folgt, ist eigentlich ganz einfach: Nichts. Zumindest nichts zum Anfassen. Wann genau die silberne Scheibe ausgedient haben wird, ist zwar noch nicht abzusehen, doch das letzte Kapitel in der Tonträgergeschichte ist bereits aufgeschlagen. Und dies schon seit 1992, als das Datenkomprimierungsverfahren MPEG-1 Audio Layer 3, kurz MP3, entwickelt wurde. Die Erfindung des Erlanger Fraunhoferinstituts für Integrierte Schaltungen macht es möglich, Musik in komprimierter Form binnen Minuten über das Internet an andere Netzteilnehmer zu schicken.
Die Tonkonserve wurde losgelöst vom Trägermedium und über das World Wide Web von a nach b und von b nach c kopiert. An die erste, 1999 entwickelte Musik-„Tauschbörse“ Napster sollen zwischenzeitlich 80 Millionen Nutzer angeschlossen gewesen sein – von denen kein einziger für die heruntergeladenen Stücke (Downloads) bezahlte. Mit der Folge, dass die Musikindustrie einen großen Einbruch erlebte – vor allem im Pop-Bereich, das Geschäft mit der Klassik blieb nahezu verschont. Offenbar kamen nur wenige Klassik-Hörer auf die Idee, ihr CD-Regal auf MP3-Niveau herunterzufahren. Und wer bei Napster mehr suchte als Hits wie Eine kleine Nachtmusik oder Für Elise, wurde nur selten fündig, von der bestimmten Aufnahme eines bestimmten Werkes ganz zu schweigen.
Ins Netz gegangen
Ein knappes Jahrzehnt später hat sich das Bild gewandelt: Den meisten illegalen Musiktauschbörsen hat die Industrie einen Riegel vorgeschoben, und im Gegenzug sind eine ganze Reihe legaler Download-Shops entstanden, von denen der „iTunes Music Store“ am erfolgreichsten ist. Seit der Eröffnung 2003 hat man hier nach eigenen Angaben bereits fünf Milliarden Downloads verkauft. Eine Zahl, die neidisch macht. Und so engagieren sich inzwischen fast alle Plattenfirmen selbst im Online-Bereich. Sie stellen Teile ihres Repertoires bei iTunes und ähnlichen Anbietern zur Verfügung, wobei Naxos und Deutsche Grammophon parallel ihre eigenen Plattformen etabliert haben.
„Durch Download-Shops können wir neue Käuferschichten gewinnen“, sagt Stephan Steigleder, beim Marktführer Universal Music (Deutsche Grammophon, Decca u. a.) für den Bereich Digital Media zuständig. Wobei man längst nicht nur junge Internetsurfer im Auge hat: „Man hat schnell herausgefunden, dass die Nutzer deutlich älter sind als ursprünglich angenommen. Es sind eben nicht die jungen Zielgruppen, die früher auf den illegalen Plattformen unterwegs waren.“ Gerade im Bereich der ab 50-Jährigen würden sich die Angebote zunehmenden Interesses erfreuen.
Eine Frage der Kompression
Ein Großteil des Klassik-Publikums steht dem Musikerwerb per Mausklick allerdings noch äußerst skeptisch gegenüber – zu Recht, denn CD-Qualität ist im Netz bislang nicht zu haben. Und so ist der digitale Vertrieb für Klassik-Produzenten ein Thema, bei dem sie gerne mal die Nase rümpfen. Das tut auch der mehrfach Grammy-gekrönte Tonmeister und Produzent Andreas Neubronner, der bereits für Murray Perahia, Keith Jarrett oder das Freiburger Barockorchester die Mikrofone ausgerichtet hat. „Die Klassik ist besonders anfällig, wenn man in ihre Eingeweide eingreift und Daten komprimiert“, sagt Neubronner und erklärt den Nachteil von MP3: „Je stärker man die Datenmenge eines Musikstücks reduziert, desto mehr kommen Näherungsverfahren zum Einsatz. Es wird nicht mehr genau beschrieben, was an einer Stelle wirklich für ein akustischer Wert gestanden hat, sondern nur, was dort für ein Wert gestanden haben könnte.“ Konsequenzen hat dies für die Dynamik und vor allem die Klangfarbe: „Bei akustischen Instrumenten ist der Einschwingvorgang ein wichtiger Faktor, also das, was ein Instrument in einer Millisekunde tut, bevor der Ton erklingt. Wenn man dieses Einschwingverhalten nicht überträgt, kann der Hörer irgendwann nicht mehr unterscheiden, ob es sich zum Beispiel um eine Oboe oder Klarinette handelt.“