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'lieber zu fus zu gehen'
Foto: Klemens Hippel
Mit Mozart auf Reisen.

Ziemlich genau ein Drittel seines kurzen Lebens hat Wolfgang Amadé Mozart auf Reisen verbracht, wie die Musikforscher minutiös nachgerechnet haben. London, Paris, Prag oder Berlin fallen dem Mozart-Fan da spontan ein. Und glaubt man den Aufzeichnungen eines Salzburger Benediktiners, hatte die Familie Mozart noch viel mehr vor: Man werde „in bälde gar das ganze Scandinavien, und das ganze Russland, und vielleicht gar in das China reisen“, notierte er 1766 in seinem Tagebuch – da waren die Mozarts gerade von ihrer dreieinhalbjährigen Europa­reise zurückgekehrt. Nicht dass sie die ganze Zeit wirklich auf Achse gewesen wären – allein in London blieben sie über ein Jahr, in Paris fünf Monate. (Auch bei seinem zweiten Aufenthalt hielt sich Mozart ein halbes Jahr in der französischen Hauptstadt auf.) Heute würde man solche Unternehmungen eher einen Auslandsaufenthalt als eine Reise nennen, und mit derselben Motivation, die viele Studenten heutzutage ein Auslandssemester einlegen lässt, reisten auch die Mozarts: Leopold wollte für die bestmögliche Ausbildung seines Sohnes sorgen. Mozart selbst hat dieses Motiv 1778 in einem Brief aus Paris formuliert: „ohne reisen (wenigstens leüte von künsten und wissenschaften) ist man wohl ein armseeliges geschöpf! ... ein Mensch von mittelmässigen talent bleibt immer mittelmässig, er mag reisen oder nicht – aber ein Mensch von superieuren talent (welches ich mir selbst, ohne gottlos zu seyn, nicht absprechen kan) wird – schlecht, wenn er immer in den nemlichen ort bleibt“.
 

Über Stock und SteinDie Post-Carte aus dem Jahre 1973 zeigt die damaligen bayerischen Poststationen. Foto: Klemens Hippel

Um das zu verhindern, besuchte Mozart viele musikalische Zentren seiner Zeit. In Mannheim begegnete er der damals führenden Orchestermusik, in London Johann Christian Bach. Ob Mailand oder Paris, Mainz oder München – überall gab es Kollegen, von denen man lernen konnte. Und natürlich Aufträge oder Anstellungen, die Mozart gerne gehabt hätte. Nur: Um in diese Musikzentren zu gelangen, brauchte man Wochen oder gar Monate. Und wie mühselig das war, davon kann man sich heute kaum eine Vorstellung machen.

Zunächst einmal war es mit den „Straßen“ so eine Sache. Als Leopold Mozart in Lüttich auf die gepflasterte Straße nach Paris stößt, ist er sehr erstaunt – und wenig begeistert, weil sie ihm „Wagen, Räder, und sonderlich das Eisenwerck angreift und zu Grunde richtet“. Gewöhnt ist er ganz anderes: Erdwege, auf denen man im Sommer im Staub, im Winter im Schlamm versinkt und die gelegentlich mit Ästen, Sträuchern oder Steinen aus dem Acker „verbessert“ werden. Man fährt eben über „Stock und Stein“. Da ist man schon froh, wenn man überhaupt vorankommt – am Rhein sind die Wege so „elend“, dass die Reisenden „von hier bis Bonn und Kölln zu wasser gehen müssen, wann wir auf der Strasse, die oft hart am Rhein gehet, nicht wollen in den Rhein geworfen werden, oder sonst den Hals brechen“, berichtet Leopold aus Koblenz. Und Wolfgang schreibt von seiner Berlinreise 1789: „Wir glaubten Samstags nach Tisch in Dresden zu seyn, kamen aber erst gestern Sonntags um 6 Uhr Abends an; – so schlecht sind die Wege.“

Natürlich musste man dabei alle paar Kilometer die Pferde wechseln. Die Poststationen auf den Strecken hatten zwar stets genügend Pferde vorzuhalten – theoretisch. Doch wenn man Pech hatte, bekam man gar keine Pferde, hohe Herrschaften hatten alle mit Beschlag belegt: „Mein Umstand war nun darauf böser oder schlimmer, weil der Herzog alle Pferde von der Post und den Lohngutschern weg hat“, beklagt sich Leopold einmal. Oder: „Um 8 uhr morgens die uns schon um 4 uhr frühe versprochene Postpferd bekommen“. Um vier Uhr in der Frühe? In der Tat brach man oft zu solch unchristlicher Zeit auf. Immer wieder finden sich in den Aufzeichnungen der Mozarts frühe Abfahrten morgens um halb sechs oder sechs – und als sei das nicht früh genug, war man vorher noch in der Messe gewesen. Vielleicht, um für gutes Wetter zu beten – bei den teilweise halboffenen Kutschen besonders wichtig. Nur zu leicht konnte es einem gehen wie Mutter Mozart, die von der Parisreise ihrem Mann ihr Leid klagt: „die 2 lesten täge aber hat uns der wind fast ersticket, und der Regen ersäuffet, das wür beyde in wagen waschnass sein worden, und schür nicht mehr schnaufen gekönt.“

Die Post-Carte aus dem Jahre 1973 zeigt die damaligen bayerischen Poststationen. Foto: Klemens HippelFoto: Klemens HippelEinige der ehemaligen Poststationen zwischen Salzburg und München sind als Gasthäuser erhalten. Foto: Klemens HippelIn diesem Haus in Wasserburg logiert die Familie Mozart. Foto: Klemens Hippel



Klemens Hippel / Partituren / Seite 38 / 17 2008

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