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Spurensuche

Ein romantischer Komponist und die Dampflok
Foto: Archiv
Unterwegs mit Antonín Dvořák: Wolfgang Fuhrmann und Jirka Jansch entdecken die heimliche Leidenschaft des großen Romantikers.

Dies ist Antonín Dvořák, wie er leibt und lebt: schon ein älterer Herr, aber immer noch rüstig, eine gesunde Bauernnatur mit buschigen Brauen und tief liegenden, lammfromm blickenden Augen. Es gibt auch Fotografien, die ihn mit Bart und Zwicker zeigen; aber der Bart ist nur angeklebt, der Zwicker falsch.

Antonín Dvořák verstaut die Fotografien wieder sorgfältig in seiner Brieftasche. Er wird sie auch den nächsten Besuchern zeigen, die auf den Spuren seines Großvaters nach Vysoká pilgern, zum dortigen Dvořák-Museum und zur Villa Rusalka: Zum Beweis der Familienähnlichkeit hat er sich einmal als sein eigener Vorfahre verkleidet. „Erst nach der Samtenen Revolution“, sagt Antonín Dvořák III., den als gelernten Geologen wenig mit Musik verbindet, „wurde ich ein Dvořák. In der kommunistischen Ära bin ich nur ein einziges Mal als Enkel des Komponisten eingeladen worden, zu einem Chorfest in den Niederlanden, in den 70er Jahren.“ Jetzt wird er herumgereicht, eröffnet hier einen Kongress und da ein Festival, und immer wieder bitten ihn Dvořák-Verehrer, die offiziell nicht zugängliche Villa Rusalka, das Landgut des Komponisten, besichtigen zu dürfen. Hier kann man heute noch das Kochgeschirr Antonín Dvořáks bewundern, sein Piano, die Ehrendoktorurkunde aus Prag oder den Esstisch und die Stühle aus der Prager Stadtwohnung; auf einem dieser Stühle ist der Komponist am 1. Mai 1904 mittags, direkt nach dem Mahl im Kreise der Familie, gestorben.

Foto: Jirka JanschAntonín Dvořák III. zeigt das alles mit einem gewissen Stolz. Obwohl erst gute zwanzig Jahre nach dem Tod seines Großvaters geboren, haben sich ihm aufgrund der Magie seines Namens viele Türen geöffnet. 1993 ist er sogar nach Spillville in Iowa eingeladen worden; auch davon zeigt er gerne Bilder, von den mit Pappbüsten des Komponisten geschmückten Straßenzügen, von der Ehrenbürgerurkunde. 1993 gab es dort ein Jubiläum zu feiern.

Spillville in Iowa, das war im späten 19. Jahrhundert eine tschechische Kolonie, in der die Armen aus Písek, Tábor und Budweis sich zusammenfanden. Hier war im Jahr 1893 Antonín Dvořák, der Komponist, zum ersten Mal mit seiner Familie zu Gast, um sich von seiner Tätigkeit als New Yorker Konservatoriumsdirektor zu erholen. Zum ersten Mal seit acht Monaten höre er wieder Vögel, rief er bei seiner Ankunft aus, die aber hätten ein viel bunteres Gefieder und sängen ganz anders als die daheim! – und aus Dankbarkeit nahm er den Gesang des Scharlachtangar (Piranga olivacea) in den dritten Satz seines Streichquartetts F-Dur op. 96, des Amerikanischen Quartetts, auf. So gut hat es Dvořák in Spillville gefallen, so wohl fühlte er sich unter seinen Landsleuten, dass er – ernsthaft oder im Scherz, wer kann das sagen – sogar die Absicht äußerte, sich dort für immer niederzulassen.

Foto: Jirka JanschFoto: Jirka JanschFoto: Jirka JanschFoto: Jirka Jansch
Auch wenn er es dann nicht getan hat: Verwundert hätte ein solcher Entschluss nicht. Denn Antonín Dvořák war, bei aller Selbststilisierung zum „einfachen böhmischen Musikanten“ (mit der er in Wirklichkeit nur einen allzu enthusiastischen Verehrer abzuschütteln versuchte), auch ein technik- und fortschrittsbegeisterter Weltbürger fern aller nationalistischen Engstirnigkeit. Die romantische Legende vom „aus dem Volk“ kommenden und durch den „Volksgeist“ inspirierten, in naiv-unbewusster Produktivität Werk um Werk schaffenden Künstler, wie sie sich um Dvořák gelegt hat, mag eine gewisse Wahrheit enthalten. Doch sie stutzt den Komponisten auf einen gutmütigen, treuherzig blickenden Produzenten veredelter Folklore zurecht. Und unterschlägt dabei, dass Dvořák, wie die Skizzen ausweisen, durchaus intensiv-angestrengt, mit vielen Zwischenstufen und nicht ohne Krisen an seinen Werken arbeitete, dass ein Johannes Brahms, ein Eduard Hanslick seine Werke aufrichtig bewunderten, dass der späte Dvořák in seinen Tondichtungen wie der Waldtaube Mahler und Janáček gleichermaßen in der motivischen Arbeit wie in der kühnen Klangfarbencollage Anregungen bieten konnte.



Wolfgang Fuhrmann / Partituren / Seite 6 / 4 2006

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