kultiversum Startseite
Noch nicht angemeldet?   Registrieren

  |   Passwort vergessen
Warenkorb
Henry Purcell

Orpheus britannicus
Dido und Aeneas in der Inszenierung von Sasha Waltz 2005. Foto: Sebastian Bolesch
Purcell und die Erfindung der englischen Oper.

Die Geburt der englischen Oper vollzog sich an einem Ort, an dem eher selten Musikgeschichte geschrieben wird: in einem Mädchenpensionat. Für eine Schulaufführung zum Semesterabschluss 1689 beauftragte Josias Priest – Tänzer, Choreograph und Leiter eines Internats für adlige Fräulein in London-Chelsea – einen der Organisten der Chapel Royal, Henry Purcell. Der 30-Jährige, als Komponist noch keine Berühmtheit, lieferte eine dreiaktige Oper mit durchgehender Handlung, klaren Rollenprofilen und gesungenen Rezitativen. Genaueres über die Uraufführung der ersten „richtigen“ englischen Oper, ob etwa alle Rollen von Schülerinnen gesungen wurden, weiß man leider nicht, die Originalpartitur ist verschollen. So unspektakulär wie die erste Aufführung, so wirkungslos blieb zunächst Dido and Aeneas, das heute als Meilenstein der Operngeschichte gilt. Natürlich schuf Purcell die englische Oper nicht aus dem Nichts, zumal auf der Insel vorher schon wichtige musiktheatralische Werke entstanden waren wie Matthew Lockes Psyché (1675) oder John Blows Venus and Adonis (1684), das ebenfalls in Priests Mädchenpensionat aufgeführt worden war. Purcell kannte diese Werke gut: Locke und Blow waren seine Lehrer am königlichen Hof gewesen. Besonders zwischen Blows Werk und Dido gibt es einige Gemeinsamkeiten. Beide handeln von der Beziehung zwischen einer starken Frau und einem schwachen Mann, in beiden werden Tänze und Chöre zur Gliederung des dramatischen Geschehens eingesetzt. Selbst einige melodische Wendungen übernimmt Purcell aus Lockes Werk.

 

Wem die Zunge schlägt

Dennoch ist in Dido and Aeneas ein ganz eigener Ton zu hören. Besonders hinsichtlich der Textbehandlung übertrifft Purcell seine Vorgänger. Immer wieder deutet der Komponist in den Rezitativen und Arien einzelne Begriffe musikalisch aus, illustriert einen Sturm mit einem Sechzehntellauf in der Solostimme oder lässt die Klage Didos mit Seufzern intensiver werden. Trotz ihres hohen Affektgehalts behalten Purcells Textinterpretationen einen schlichten, liedhaften Grundton. Und wenn eine drastischere musikalische Sprache vonnöten ist wie in den Hexen-Szenen, der Darstellung der Zauberin oder dem Auftritt der Matrosen im dritten Akt, dann schafft Purcell auch hier besondere Plastizität. „Sein Umgang mit der englischen Sprache hat eine verborgene Kraft, die den unvoreingenommenen Bewohner dieser Insel anspricht“, schrieb der Musikhistoriker Charles Burney hundert Jahre später. „Er hat den wahren Zungenschlag unserer Muttersprache gestärkt, gestreckt und abgestimmt.“ Wenn ganz am Ende Dido ihren Schwanengesang When I am laid in earth anstimmt, bevor sie zu tröstenden Klängen des Chores stirbt, dann erreicht dieses musikalische Drama höchste Intensität.

 

Musikalischer Schwamm

Erst elf Jahre nach der Uraufführung wurde Purcells Werk erneut aufgeführt: zur musikalischen Umrahmung von Shakespeares bitterer Komödie Measure for Measure – und zu diesem Zweck in ihre Einzelteile zerlegt. Auch eine weitere Aufführung 1704 blieb ohne größere Resonanz: Die Zeit war in London noch nicht reif für die Gattung Oper. Das hatte mehrere Gründe: Zum einen dominierte in England seit der Mitte des 16. Jahrhunderts das von Elisabeth I. stark geförderte Sprechtheater. Zum zweiten waren während des englischen Bürgerkriegs und des republikanischen Commonwealth 1642 bis 1660 die Theater geschlossen – weltliche Ablenkung galt den Puritanern als Sünde. Und schließlich pflegten die Insulaner seit dem 16. Jahrhundert eine ganz eigene musiktheatralische Tradition: die „Masques“ genannten höfischen Maskenspiele.



Georg Rudiger / Partituren / Seite 42 / 18 2008

Weitere Artikel aus diesem Heft


Nachricht schreiben!


Betreff:
Musik
E-Paper Opernwelt 9-10/2016
30.8.16: Das E-Paper der September-Oktober-Ausgabe von «Opernwelt» ist da. Es steht allen Abonnenten ab sofort zur Verfügung. Weiter
Überschätzt
Wieder am 3. September: Foronis «Cristina, regina di Svezia» in Oldenburg Weiter
Carmen
Ab 4. September wieder in Frankfurt: Barrie Kosky inszeniert Bizet. Weiter

Service
Herzlich Willkommen im kultiversum
Hier finden Sie Informationen aus der Welt der Kultur: Theater, Literatur, Oper, Musik, Tanz, TV-Film, Kunst und mehr ...
kultiversum
Empfehlungen
Neueste Mitglieder
Chris Cluß



Kontaktanfrage





Beitrag melden!


Geben Sie hier eine Begründung an, warum Sie hier einen Inhalt bedenklich finden (z.B. Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung, Anstiftung zu einer Straftat). Vielen Dank! Ihr kultiversum-Team





Setzen Sie Ihren Bookmark!