Frederik Hanssen lässt sich von Marie-Pierre Langlamet das romantischste aller Instrumente erklären.
„Finden Sie nicht auch: Als Möbelstück ist die Harfe das schönste Instrument?“, fragt Marie-Pierre Langlamet plötzlich mitten in unserem Gespräch – und muss dann doch ein wenig lachen über ihre Worte. Die zierliche Mittdreißigerin mit der modischen Kurzhaarfrisur steht kaum im Verdacht, die Harfe als dekoratives Einrichtungs-Accessoire höherer Töchter zu schätzen. Madame Langlamet ist eine der weltweit gefragten Virtuosinnen auf dem 47-Saiter mit der goldenen Säule: Mit 17 wurde der Französin eine Profi-Stelle im Orchestre de Nice angeboten, fünf Jahre saß sie im Graben der New Yorker Metropolitan Opera, seit 12 Jahren spielt sie nun schon bei den Berliner Philharmonikern.
Marie-Pierre Langlamet hat sich für ein Leben zwischen Blau und Rot entschieden. An diesen beiden Farben orientieren sich alle Harfenspieler: Jeweils alle Ces-Saiten nämlich sind rot eingefärbt, alle Fes-Saiten blau. Ces und Fes? Die Stimmung in der abwegigen Tonart (sieben Vorzeichen!) gehört zu den Merkwürdigkeiten der modernen Harfe – und liegt in der Technik begründet. Mit sieben Fußpedalen, die an der Rückseite des Harfenfußes angebracht sind, lassen sich die Saiten (sieben je Oktave) um einen Halbton oder einen Ganzton erhöhen, also zum Beispiel von Ces zu C und weiter zu Cis. Mit richtig eingestellten Pedalen kann der Harfenist somit jede gewünschte Tonart spielen – übrigens nur mit Daumen, Zeige-, Mittel- und Ringfinger. Hergestellt wird die 35 bis 40 Kilogramm schwere Konzertharfe aus denselben Hölzern wie die Streichinstrumente: Fichte verwendet man für Säule und Fuß, Ahorn für die Korpusdecke.
Der Klang süßer Liebesnächte
Die Harfe gilt als das romantische Instrument schlechthin. Denn sie vermag wunderbar Naturstimmungen heraufzubeschwören, kann wie der Wind säuseln oder sanftes Wasserrauschen nachahmen. Ihr Umfang von viereinhalb Oktaven ermöglicht eine klangliche Vielfalt, die auch den Komponisten Hector Berlioz faszinierte: „In ihren höchsten Tönen kann sie uns mit feinem, kristallhellem, herrlich frischem Klang die süßesten Geheimnisse holder Melodien ins Ohr flüstern“, während die tiefen Saiten die Nachtseite der Seele repräsentieren, mit einem Ton, der „so umschleiert, geheimnisvoll und schön ist“.
In ihrer Blütezeit führte die Harfe allerdings ein Doppelleben: einerseits als Symbolinstrument der romantischen Mittelalterbegeisterung, andererseits als Technikwunder. Wenn Richard Wagner im Tannhäuser oder in den Meistersingern von Nürnberg eine Harfe einsetzt, meint er natürlich das uralte Instrument, das schon der mythische Sänger Orpheus in der Antike anschlug. Daneben findet sich aber in seinem Orchester – Lohengrin, Ring des Nibelungen (Feuerzauber!) – auch die moderne Variante des Instruments, die 1810 in Paris entwickelt wurde: Dem Franzosen Sébastien Érard gelang es damals, eine Doppelpedalharfe herzustellen, die in allen Tonarten einsetzbar ist.
Der Violinvirtuose und Komponist Louis Spohr war der erste, der bedeutende Werke für Érards bahnbrechende Erfindung schuf (seine Frau war Harfenistin), zur Jahrhundertmitte hin etablierten dann Meyerbeer, Berlioz und Liszt die Harfe im Symphonieorchester. Zunächst wurde sie vor allem als Klangmetapher eingesetzt, immer dann, wenn es märchen- und feenhaft wird, zur Untermalung süßer Liebesnächte, aber auch in Ball- und Sakralszenen: „Nichts stimmt besser zu dem Fantasiebild poesievoller Feste oder prachtvoller religiöser Zeremonien als der Klang einer großen Menge von sinnreich verwendeten Harfen“, schwärmt Berlioz 1844 in seiner Instrumentationslehre.