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STIMMEN DER NACHT

Keine stille Nacht
Foto: Tom Specht
Dass Enoch zu Guttenberg im idyllisch gelegenen Neubeuern, eine Stunde von München entfernt, eine zweite Heimat gefunden hat, merkt man gleich: an der familiären Atmosphäre im Büro, dessen Wände voll von seinen Auszeichnungen und Urkunden sind. Und am Jagdhund, der mir gemeinsam mit ihm aus dem Arbeitszimmer entgegenkommt. Zum Interview gehen wir ins historische Bauernhaus nebenan, wo ich nachher noch zum Mittagessen gebeten werde – zu den besten Weißwürsten meines Lebens.

Partituren Herr zu Guttenberg, die Weihnachtszeit naht, alle schwelgen wieder glückselig im Weihnachts­oratorium. Aber wenn Sie das Werk dirigieren, gibt es immer kontroverse Diskussionen. Mögen Sie es, wenn Ihre Arbeit zum Streit Anlass gibt?
Guttenberg Wenn nicht gestritten würde, würde ich etwas falsch machen.

Partituren Dann machen die meisten Kollegen also etwas falsch.
Guttenberg Das haben Sie gesagt! Aber es ist schon so, dass sehr viel Glattes, „Undiskutables“ gemacht wird. Wir leben ja in einer Zeit, in der die großen Inhalte zu Konsumgütern herabgewürdigt werden. Wir lassen uns sogar „Verbraucher“ nennen, ohne uns zu schämen. Der Umweltminister ist gleichzeitig ein Verbraucherminister. Ohne zu begreifen, was in diesem Wort steckt – ein Umweltminister müsste vor Verbrauchern schützen, nicht die Verbraucher.

Partituren Sind nicht das Weihnachts­oratorium und die Matthäuspassion historisch gesehen Verbrauchskunst?
Guttenberg So würde ich das nicht sagen. Die Matthäuspassion ist das grandioseste Bekenntnis, das ich kenne.

Partituren Sie wurde für einen Anlass komponiert, dann einmal oder zweimal gespielt, dann wurde das nächste Stück geschrieben ...
Guttenberg Das spricht doch für das, was ich sage. Diese Musik ist um des Inhalts willen gemacht worden, nicht um beliebig aufgeführt zu werden. Ich halte es für falsch, sie nur zu hören, weil sie schön ist. Dasselbe Problem habe ich im Museum: Wenn 17 Kreuzigungen nebeneinander hängen, werden sie zu etwas degradiert, wofür sie nicht gemacht sind. Ein Riemenschneider-Altar ist erst einmal ein Bekenntnis. Oder vielleicht eine Auseinandersetzung. Denken Sie an das Verdi-Requiem: Das ist nicht schön und glatt und italianità. Das ist so spannend, weil sich da ein Atheist­ mit seinem alten Glauben ausein­andersetzt. Man kann die ganze Zerrissenheit dieses Menschen in der Partitur lesen. Ich möchte mich in den Dienst dessen stellen, der das komponiert hat. Deswegen versuche ich, die Menschen dazu zu bringen, sich mit den Inhalten der Musik auseinander zu setzen. Ein Weihnachtsoratorium, eine dritte oder fünfte Symphonie von Beethoven nur als schöne Musik zu empfinden, ist falsch. Eine Bruckner-Symphonie zu machen, ohne das Psychogramm dieses Komponisten, das in jeweils unterschiedlicher Weise in seinen Werken zu finden ist, den Menschen nahezubringen, ist ein Fehler. Das ist meine Auffassung, und die reizt natürlich zum Streit.

Partituren Ist denn nicht für jeden klar, dass das Weihnachtsoratorium oder die Matthäuspassion eine Botschaft mitzuteilen haben?

Guttenberg Das denken Sie, und das glaube auch ich. Aber es gibt berühmte Dirigenten, denen das egal ist. Die sagen: Was soll dieses Inhaltsgerede, Musik ist eine objektive Kunst – der Inhalt interessiert mich nicht. Aber was ist denn der Auftrag einer Sakralmusik? Der Inhalt! Was ist der Auftrag der Eroica? Im ersten Satz soll die Euphorie über Napoleon erzählt werden, im zweiten geht es um das Zerbrechen an dieser Figur, im dritten versucht Beethoven vergeblich, das ganze wegzuwischen, im vierten Satz baut er sich seine heile­ Welt eben selbst auf. Wenn man dieses Programm begriffen hat, kann man es doch auch seinem Publikum vorstellen. Man wird immer hämisch belacht, wenn man sagt: Musik ist Botschaftsträger. Aber das ist sie nun mal. Die große Musik jedenfalls. Es gibt natürlich Werke, bei denen das nicht so ist. Mir macht es wahnsinnig Spaß, Strauß-Walzer zu dirigieren. Da habe ich auch diesen Anspruch nicht – die will ich brillant und ganz toll machen. Bei der Schönen blauen Donau geht es nicht um etwas Wichtiges, es ist einfach ein Geschenk, dass es so einen brillanten Walzer gibt. Aber eine Bruckner-, Beethoven-­ oder Mahler-Symphonie möchte ich nicht als ein Museums­stück verstehen. Ich will das transportieren, was den Komponisten dazu bewogen hat, das zu schreiben. Und das soll den heutigen Menschen treffen. Ihn anregen, die Welt in diesem Moment durch diese Brille zu sehen. Damit haben Sie gewiss einen Gewinn,
weil sich der eigene Horizont erweitert.

Partituren Wenn es um die Botschaft geht, wäre der richtige Aufführungsort fürs Weihnachtsoratorium dann nicht die Kirche?
Guttenberg Das wird mir oft gesagt. Aber ich glaube, wenn es gelingt, in einem Konzertsaal die Zuhörer durch die Interpretation der Musik so zu packen, dass sie sich mit der Sache auseinandersetzen, vielleicht so betroffen sind, dass sie nicht applaudieren oder dass sie in der Garderobe ihren Hut verwechseln, dann hat man das Richtige erreicht. In der Atmosphäre einer Kirche ist das nicht so schwer. Wir müssen uns darum bemühen, dass die Stücke in dem Moment, in dem sie erklingen, ihrem Auftrag nahe kommen.



Klemens Hippel / Partituren / Seite 40 / 14 2008

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waldemar hammel
von waldemar hammel am 20.01.2010 18:39 Uhr

nachtrag zur verdeutlichung:

kultur - kunst - und darin auch die musik nicht als zahnloses und damit wirkungsloses verbrauchsgut, das kontext-frei und damit ohne implikationen konsumiert werden kann, sondern als etwas, das elementare und existentielle kritische fragen an den auch heutigen rezipienten stellt, und damit funktional und produktiv = innovativ wird.

im heute üblichen kultur-betrieb wird auch musikalisch der über tausendjährige entwicklungsweg der europäischen musik weder thematisiert noch kritisch beleuchtet, noch werden die ungezählten und historisch dazu immer noch offenen fragen auch nur gesehen, geschweige denn wenigstens versuchsweise neu gestellt oder beantwortet.

die europäische epoche der scholastik, die erfindung der kontrapunktion, die oktaventonleiter, um nur drei musik-relevante beispiele zu nennen, dies wird einfach kritiklos, kontextfrei und als gegeben hingenommen, und darauf wird lediglich endlos variiert, statt wie dringend notwendig, solche historisch tradierten grundlagen selbst neu zu überdenken und auf dem hintergrund heutigen wissens weiterzuentwickeln.

bis auf weiteres leben wir alle in einer art "frozen culture", auch im bereich der akustischen kunst und ihrer ästhetiken, weil das historische kontexte ignorierende variierende nur-herumspielen mit den versatzstücken des aus zehn jahrhunderten überkommenen nichts wirklich neues entstehen lässt.

ich sehe in dem zusammenhang zu guttenbergs musikalische denkansätze als sehr implikative möglichkeiten, als notwendige vorbedingungen sogar, um aus dem vorhandenen seicht-konsumatorischen gefängnis heraus zu kommen - allerdings dürfte da ohne dezidierte neu-ansätze im bereich kultureller bildung und kulturellen wissens nichts zu erreichen sein, sodass letztlich auch zu guttenbergs aktivitäten an der mauer der ignoranz scheitern dürften. es fehlen seinen konzerten, er hebt im interview ja selbst und richtig auf allegorien ab, allegorisch gesprochen, die notwendigen begleitkonzerte kultureller bildung seiner zuhörerschaft. vielleicht wäre er gut beraten, wenn er seinen bisherigen aktivitäten ein solches netzwerk an zusätzlicher wissensvermittlung unterziehen würde.

waldemar hammel
von waldemar hammel am 20.01.2010 17:15 Uhr

was herr zu guttenberg im interview über mögliche funktion und damit den möglichen nutzen von musik sagt, unterstreiche ich voll und ganz - ebenso seine einlassungen zum begriff "verbraucher", da mir dieser unkritische begriff schon lange schwer im magen liegt.

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