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GEHÖRT

Der geheimnisvolle Dritte
Ungarns verdrängter Großmeister László Lajtha

Noch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erschienen Bücher über die ungarische Musikgeschichte, in denen der Name Lajtha kein einziges Mal auftaucht. Die Kommunisten hatten wie üblich ganze Arbeit geleistet: Sie vernichteten den Menschen und dann auch noch die Erinnerung an ihn. Nur sehr wenige wussten, dass László Lajtha (1892  –  1963) der neben Bartók und Kodály bedeutendste Komponist seines Landes war – eine der großen, einsamen, geheimnisvollen Gestalten des 20. Jahrhunderts.

Vor gut zehn Jahren spielte das Symphonieorchester aus Pécs, dem alten Fünfkirchen, Lajthas neun Symphonien fürs Label Marco Polo ein. Obwohl es sich um wahrhaft grandiose Interpretationen ebenso grandioser Werke handelte, wurden sie öffentlich kaum wahrgenommen. Jetzt beginnt Hungaroton eine Gesamtaufnahme aller zehn Streichquartette mit dem jungen Auer-Ensemble. Das Ergebnis ist abermals eine Sensation. Oder, um präzise zu sein: eine Offenbarung.

Was offenbart sich hier? Zunächst ein Komponist, der wie Bartók den revolutionären Spagat zwischen Volksmusik und Moderne souverän meistert, formal unanfechtbar, in der Behandlung der vier Streicher höchst virtuos und originell. Auch Lajtha war Musikethnologe, sein bevorzugtes Forschungsgebiet Siebenbürgen; er war der Erste, der sich für die volkstümliche Instrumentalmusik interessierte, was seinen Werken eine von Bartók und Kodály, die sich an der Gesangsüberlieferung orientierten, stark abweichende Note verleiht. Diese Volksmusik ist bei ihm indes nur in kondensierter Form anzutreffen, im Rhythmus, im scheinbar improvisatorischen Gestus, in der Reihung kleinster Melodieformeln. Der Abstand seiner frühen Quartette zur zentral­europäischen Tradition könnte nicht größer sein.

Alle zehn Quartette entstanden vor 1956, also vor dem ungarischen Aufstand, der Lajthas fünfte und siebte Symphonie wie ein apokalyptisches Erdbeben durchzieht, nur gemildert von rührend hilflosen, halluzinatorischen Beschwörungen des guten alten Ungarn mit Zymbal und Ziehbrunnen – einer Traumheimat, die es genauso wenig je gegeben hat wie irgendein anderes Paradies. Die Streichquartette klingen dagegen abgeklärt, auch eloquenter und „moderner“. Das Auer-Quartett gestaltet sie mit jener luziden Klarheit, die für den frankophilen Lajtha seit Anbeginn verbindlich gewesen ist.

Lajthas Schicksal war das denkbar bitterste. Im Ersten Weltkrieg als Artillerieoffizier mehrmals schwer verwundet, hielt er sich später während der Jahre des rechts-autoritären Horthy-Regimes häufig in Paris auf, den Zweiten Weltkrieg überstand er im inneren Budapester Exil. Er hat niemals irgendwelchen Machthabern Märsche und Hymnen geliefert, sondern flammende Bekenntnisse gegen Krieg und Unterdrückung formuliert. Die neuen Herren enthoben ihn 1948 aller Ämter und zogen seinen Reisepass ein, seine Werke wurden als kosmopolitisch und formalistisch gebrandmarkt. Das brach ihm zuletzt das Herz, aber die moralische Kraft seines Künstlertums war unzerstörbar. Sie lebt fort in seinem Werk.

 

Streichquartette Nr. 1, 3 und 4
Auer Streichquartett
Hungaroton Hun 32542

Streichquartette Nr. 5, 7 und 9
Auer Streichquartett
Hungaroton Hun 32543


Volker Tarnow / Partituren / Seite 73 / 17 2008

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