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BLIND GEHÖRT

Die Hörprobe
Foto: Kasscara/DG
Fünf Jahre hat Vadim Repin die Musikwelt auf seine neue CD warten lassen, sieht man von einer Aufnahme mit Trio- und Quintettmusik von Sergej Tanejew ab. Für sein Solodebüt bei der Deutschen Grammophon hat er sich Beethoven ausgesucht: das Violinkonzert mit den Wiener Philharmonikern unter Muti und die Kreutzersonate mit Martha Argerich. Grund genug, ihn auf ein „Blind­ gehört“­ einzuladen, in dem es um Kammermusik für Geige­ solo und mit Klavierbegleitung geht. Gleich zu Beginn betont Repin, wie problematisch er es findet, über Kollegen zu urteilen. Ganz offensichtlich findet er die Begegnung mit den Aufnahmen dann aber doch interessant, wie seinem stillvergnügten Gesicht anzusehen ist. Wir unterhalten uns auf Englisch, Repin spricht sanft und gelassen und gönnt sich lange Pausen zum Nachdenken. Auch hört er zunächst lange still zu, bevor er sich äußert.

1   Johann Sebastian Bach: Sonata Nr. 1 g-moll BWV 1001
     Yehudi Menuhin 1935
     Naxos 8.110918

Es klingt manchmal wie Menuhin, dann wieder nicht. Es ist zumindest jemand sehr Junges, voller Saft und Kraft und Ener­gie ... Das gefällt mir gut. Ich mag diesen Romantizismus, dieses Vibrato. Ja, doch, ich denke, das ist Menuhin. Aber das ist viel früher als alles, was ich von ihm kenne. Woran ich Menuhin erkannt habe, ist zunächst der Fingersatz. Ich kenne seinen Geschmack, was Fingersätze angeht, weil wir ja einige Jahre miteinander verbracht haben. Und dann natürlich die Artikulation. Machen Sie lieber die Musik aus – wenn klassische Musik läuft, muss ich immer zuhören und achte nicht so darauf, was ich rede. (lacht) Es gibt einen gewissen Unterschied beim Geigenspiel zwischen Singen und Sprechen. Und das hier war Singen. Ich denke, dass Menuhin in seinem Spiel mehr als die meisten nahe an die menschliche Stimme gekommen ist.

Wie war es, als junger Geiger mit Menuhin zu arbeiten?
Das war sehr interessant. Er hat dirigiert, wie haben viele­ Konzerte gespielt und einige lustige Sachen miteinander erlebt. Aber er hat es immer abgelehnt, mir violinistische Ratschläge zu geben, auch wenn ich ihn hartnäckig gefragt habe. Wir haben darüber gesprochen, welcher Strich besser klingt in einer bestimmten Passage oder über die Fingersätze­ oder über eine Phrasierung. Aber das war es dann auch, es ging nie darüber hinaus, was das Geigenspiel betrifft. Wir hatten eher eine Dirigenten-Solisten-Beziehung. Was ich natürlich faszinierend fand, war seine tiefe Humanität, waren seine menschlichen Ansichten, diese schlichte, im besten Sinne einfache Würde.

Warum haben Sie bisher noch nicht Bach aufgenommen?
Das hat sich nicht ergeben. Aber ich würde es auch nie wagen, ohne mir viel Zeit dafür zu gönnen. Diese sechs Stücke sind enorm fordernd, sie sind einzigartig im Geigen­repertoire. Aber eines Tages werde ich das machen.

Frank Peter Zimmermann sagt, Bach zu spielen sei für ihn wie Zähneputzen.
Mein Zähneputzen besteht darin, dass ich jeden Tag als erstes Skalen spiele, in allen möglichen Variationen für eine halbe Stunde. Aber ich spiele Bach sehr oft, auch als Zugabe. Und wenn ich mir ein neues Instrument anschaue, dann spiele ich die Bach-Adagios und die Fugen, weil da am besten die Qualitäten einer Geige zum Vorschein kommen. Wenn ich so nachdenke, habe ich in den letzten Monaten sehr oft Bach gespielt, ganz für mich. Das ist schöner, als es im Konzert zu spielen. Es gibt Musik, die für eine sehr intime Atmosphäre gedacht ist, die einen Raum braucht, um sich zu entwickeln. Ich denke, Bach ist vielleicht am beeindruckendsten für einen selbst, wenn man ihn spielt.
 

2   Ludwig van Beethoven: Violinsonate Nr. 9 A-Dur op. 47 „Kreutzersonate“
     David Oistrach, Frida Bauer 1967 (live)
     Brilliant 8402/10

(nach zwei Minuten) Ist das ein Franzose? Nein? Dann habe ich keine Idee. Das ist verrückt.  
Sie mögen es nicht?
Ich respektiere es, es ist emotional sehr kraftvoll. Aber – für mein Verständnis hat diese Aufnahme nichts mit Kammermusik zu tun. Das ist eine Art exzentrisches, egozentrisches Geigenspiel.

Das ist David Oistrach.  
Das hätte ich nie gedacht! Und am Klavier saß eine Frau?

Ja, Frida Bauer.
Es ist so unbalanciert. Und – nein, ich habe genug Negatives gesagt. (lacht) Ich habe das Gefühl, da wollte jemand brillant spielen ohne ein Gefühl für Partnerschaft. Das muss aus den 40ern sein, oder? 1967.So spät?! Ich denke, das ist sehr untypisch für ihn. Für mich sind in diesem Stück der Konflikt, der Dialog zwischen Geige und Klavier ganz wichtig. Und das konnte ich hier nicht hören. Vielleicht liegt es an der Aufnahme, dass das Klavier so weit im Hintergrund ist.

Ist die Kreutzersonate etwas ganz Besonderes?
Oh, ja. Sie ist vielleicht intellektuell weniger kompliziert als die zehnte Sonate [von Beethoven] zum Beispiel. Aber sie ist solch ein Juwel, sie ist phänomenal ... Vielleicht war er nervös bei diesem Konzert. Es klingt sehr nervös.



Arnt Cobbers / Partituren / Seite 62 / 14 2008

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