kultiversum Startseite
Noch nicht angemeldet?   Registrieren

  |   Passwort vergessen
Warenkorb
DIRIGENT

Der Tag, an dem der Dirigent erschien
Anselm Gerhard berichtet von einer musikalischen Machtergreifung.

„Da, wo der Komponist vor der öffentlichen Aufführung sattsame Proben gehalten hat, braucht es weiter keiner Direktion; [das Orchester] dirigirt sich alsdann von selbst, wie die Uhr, wenn sie aufgezogen worden ist“, stellt ein anonymer „teutscher Biedermann“ 1779 lapidar fest. So selbstverständlich heute Orchester von einer Dirigentin oder einem Dirigenten mit Taktstock geleitet werden, so unbestritten galt – jedenfalls außerhalb Frankreichs – bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts, dass Orchester keine Dirigenten benötigen. Allenfalls gab die erste Geige nicht nur den Ton, sondern auch den Takt an. Wenn nötig spielte der Konzertmeister, um besser gesehen zu werden, im Stehen, während seine Kollegen sitzend musizierten. Da seine Stimme von mehreren Geigern verdoppelt wurde, konnte er es sich erlauben, notfalls den Bogen nicht zum Streichen der Saiten, sondern zum Markieren des Taktes einzusetzen. Dass diese Methode so unsinnig nicht sein kann, belegt ihr ungebrochenes Weiterleben im Salonorchester oder bei Kammerformationen.

Nur im Opernhaus lagen die Verhältnisse anders. Für den Konzertmeister war es schwierig, das Orchester in dem der Bühne vorgelagerten, aber noch nicht zum Graben abgesenkten Bereich zusammenzuhalten und gleichzeitig den Kontakt zu den Sängern auf der Bühne zu garantieren. Da aber in der italienischen Oper ein großer Teil des Dialogs rezitativisch abgehandelt wurde, lag es nahe, die Direktionsaufgaben zumindest teilweise dem „maestro al cembalo“ zu überlassen, der die Rezitative ja ohne Mitwirkung der Geige begleitete. Das war auch deswegen von Vorteil, weil es sich beim Cembalisten in aller Regel um den Komponisten der neu geschriebenen Oper handelte. Diese so genannte „geteilte Direktion“ hielt sich auf den meisten europäischen Bühnen bis ins erste Drittel des 19. Jahrhunderts und bewährte sich sogar bei Monsterkonzerten mit mehr als 500 Mitwirkenden. Bei der Londoner „Handel commemoration“ von 1784 wurden zwar Organist und erster Geiger von Subdirigenten für die Chorsänger unterstützt. Aber Charles Burney berichtete voller Stolz, „Ausländern, besonders Franzosen“, müsse „es erstaunlich dünken, daß ein so zahlreiches Orchester so genau im Takt blieb, ohne die Hülfe eines Choryphäen, der mit einer Rolle Papier, oder mit einem lärmenden Stocke den Takt geschlagen hätte.“

Häufig lässt sich die „double direction“ aber auch für reine Orchesterkonzerte nachweisen – selbst dort, wo der „maestro al cembalo“ gar nichts mehr zu spielen hatte, weil man das Tasteninstrument in den vollstimmigen Sätzen ohnehin nicht gehört hätte. Wie viele andere Konventionen seiner Zeit wurde auch die „geteilte Direktion“ schalkhaft ironisiert: Im Finale von Haydns Londoner Sinfonie B-Dur Nr. 98 erklingt das Rondo-Thema kurz vor Schluss nochmals in einer überraschenden Pianissimo-Variante, nur für erste Geige und Cembalo (oder Hammerklavier) solo zur Pizzicato-Begleitung der Streicher gesetzt.

 

Der Mann mit dem Knüppel

Völlig andere Verhältnisse – um nun die große Ausnahme zu erwähnen – herrschten in Frankreich. Dort hatte sich schon unter Ludwig XIV. die Sitte durchgesetzt, dass der Dirigent den Takt mit einem Stock hörbar aufs Notenpult oder auf den Boden schlug; aus protokollarischen Gründen stand er dabei übrigens meist mit dem Rücken zu den Musikern.

(1 2 3 4 ... 6) weiter


Anselm Gerhard / Partituren / Seite 26 / Juli/August 2005

Weitere Artikel aus diesem Heft


Nachricht schreiben!


Betreff:
Musik
Pique Dame
Am 24. Februar: Tschaikowskys Seelendrama als ein gesungenes Gegenstück zum «Nussknacker» Weiter
Director's Cut
Wieder am 24. Februar: Barrie Kosky schickt «Die Zauberflöte» ins Animationsstudio Weiter
Auf Kamerafahrt
Am 24. Februar wieder in Kiel: Puccinis «Tosca» Weiter

Service
Herzlich Willkommen im kultiversum
Hier finden Sie Informationen aus der Welt der Kultur: Theater, Literatur, Oper, Musik, Tanz, TV-Film, Kunst und mehr ...
kultiversum
Empfehlungen
Neueste Mitglieder
Chris Cluß



Kontaktanfrage





Beitrag melden!


Geben Sie hier eine Begründung an, warum Sie hier einen Inhalt bedenklich finden (z.B. Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung, Anstiftung zu einer Straftat). Vielen Dank! Ihr kultiversum-Team





Setzen Sie Ihren Bookmark!