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Essay

Massengrab der sowjetischen Moderne
Wenn der Ausnahmezustand zur Regel wird: In Russland entstanden zwischen 1941 und 1945 weitaus mehr Kriegs-Symphonien als nur Schostakowitschs «Leningrader».

«Sowjetunion» und «Symphonik», das waren nach 1945 keine besonders geschätzten Begriffe im Westen. Sie standen für historische Auslaufmodelle, die mittels Kombination – sowjetische Symphonik – ihre abschreckende Wirkung mehr als verdoppelten. Allein Schostakowitsch konnte den eisernen Vorhang überwinden. Von Prokofjews sieben Symphonien erreichten nur zwei das internationale Repertoire, Mjaskowski blieb auch nach der Gesamteinspielung durch Swetlanow ein bloßes Gerücht. Jetzt veröffentlicht das Label «Northern Flowers» (NF) eine geradezu exotisch anmutende Edition unter dem Titel «Wartime music». Es werden Werke aus den Kriegsjahren 1941 – 45 vorgelegt, die größtenteils sogar in Russland unbekannt sind. Das Akademische Symphonieorchester St. Petersburg unter Alexander Titow liefert gut konturierte, niemals schwülstige Klangbilder, so dass die Aufnahmen neben dem historischen auch künstlerischen Wert besitzen. Die Booklet-Texte sorgen für Hintergrundinformationen, die zumindest in englischer Sprache bislang nicht zugänglich waren.

Dmitri Schostakowitsch wurde mit seinem Manuskript der 7. Symphonie, der so genannten «Leningrader», 1941 aus dem belagerten St. Petersburg ausgeflogen. Und weltweit zum Symbol für den Widerstand. Ihre politische Relevanz war unermesslich groß. Heute ist die Siebte populärer denn je. Die Achte hingegen, die so genannte «Stalingrader», steht vollkommen in ihrem Schatten, ebenso erging es Chatschaturjans 2. Symphonie. Und über die Frage, ob es sich bei Pokofjews Fünfter überhaupt um eine Kriegs-Symphonie handelt, wird gestritten.

Eindeutig geregelt ist das «Urheberrecht». Nikolai Mjaskowskis 22. war die erste Symphonie, die nach dem deutschen Überfall 1941 geschrieben und aufgeführt wurde. Sie überrascht durch lyrische Binnenspannung und Zurückhaltung; Mjaskowski glaubte nicht, dass man auf diesen Krieg mit «Trommelwirbeln und Kanonenschlägen» reagieren müsse. Das Thema brachte ihn, einen vom 1. Weltkrieg nachhaltig geschädigten Frontoffizier, offenbar in Verlegenheit. Er flüchtete sich zunächst in die volkstümliche Trivialität der 23. Symphonie (wie Nr. 22 auf NF 9966), bevor er 1943 mit der 24. wieder an sein altes Niveau anknüpfte, das Elegische und das Heroische gekonnt verbindend (zusammen mit Nr. 25 auf NF 9971).  

Mindesten drei Dutzend Kriegs-Symphonien entstanden in dieser Zeit – und wahrscheinlich noch viel mehr danach. Ihr ästhetisch-ideologisches Fundament wurde aber schon vor 1941 gelegt, nämlich 1935, als die Machthaber zum Sturmangriff auf den sowjetischen Avantgardismus bliesen. Wissarion Schebalin erntete mit seiner 4. Symphonie heftige Kritik, obwohl das Werk einen roten Mythos aus dem Bürgerkrieg verherrlicht. Das erste offiziell verbotene Stück war Gawriil Popows 1. Symphonie. Schostakowitsch zog daraufhin seine von Popow beeinflusste 4. Symphonie noch vor der Uraufführung zurück. Trotzdem wurde er 1936 zur Zielscheibe des berüchtigten Prawda-Artikels «Chaos statt Musik» – die Große Säuberung begann.

Sie endete erst im Großen Vaterländischen Krieg. Er brachte neues, furchtbares Elend, aber er brachte den Künstlern auch eine neue Freiheit. Die Kommissare hatten sich um anderes zu kümmern als um «formalistische» Tendenzen in der Musik. Trotzdem kehrten die verteufelten Neutöner Mossolow, Popow und Schostakowitsch nicht zu ihrem Vorkriegs-Avantgardismus zurück – sie schrieben jetzt, ohne dass es einer höheren Weisung bedurft hätte, patriotische Symphonien. Doch waren damit die Konflikte zwischen Komponisten und Funktionären nur vorübergehend befriedet. Sie brachen sofort nach Kriegsende wieder aus.

Ist diese Übergangsepoche mehr als ein tragisches Kuriosum gewesen, hat sie uns wirklich mehr hinterlassen als Schostakowitschs Siebte? Wer die Ersteinspielung von Mieczysław Weinbergs Jugendsymphonie (NF 9973) hört, wird dies bejahen. Weinbergs Erste aus dem Jahr 1942 beweist, dass der vor den Nazis geflohene Pole schon im Alter von 23 Jahren ein genialer Doppelgänger Schostakowitschs war. Sie begründete auch die Freundschaft mit dem bewunderten russischen Vorbild. Schostakowitsch versuchte 1953 in einem Akt bewundernswerter Selbstlosigkeit, Weinberg aus dem GULAG zu retten. Er hielt ihn für einen der größten Komponisten des Jahrhunderts; solange freilich nicht einmal Weinbergs 6. oder 19. Symphonie das westliche Repertoire erobern, dürfte es um seinen Erstling im Konzertleben schlecht bestellt sein.

Leo Knipper ist noch unbekannter als Weinberg. Sein Leben verlief ähnlich dramatisch, wenn auch nicht derart düster. Ursprünglich deutscher Herkunft und außerdem mit der Familie Tschechow verwandt, kämpfte Knipper pikanterweise im Bürgerkrieg auf Seiten der Weißen. 1923 ließ er sich wieder in Moskau blicken, mit Werken von Hindemith und Schönberg im Gepäck. Er wurde Sekretär der ASM (Assoziation für zeitgenössische Musik), schwenkte aber nach deren Auflösung zur Parteilinie über. Seine Symphonien, eine Mixtur aus klassischer Form und Massenlied, galten in den 30er Jahren als mustergültig, die Ballade «Poljuschko Pole» aus der 4. Symphonie wurde nicht nur bei Militärkapellen aller Hemisphären zum Evergreen, sondern unter dem Titel «Kosaken-Patrouille» auch gern von Iwan Rebroff gezwitschert. Während des 2. Weltkriegs arbeitete Knipper in hoher Agentenmission für den sowjetischen Geheimdienst. Vom Komponieren hielt ihn das nicht ab, und seine 1942 vollendete 8. Symphonie (NF  9975) ist ein gelungenes, weil überwiegend sanftmütiges Beispiel für dieses martialische Genre.

Noch bewegender ist der Fall Gawriil Popow. Von ihm werden die 2. und 3. Symphonie präsentiert (NF 9977 bzw. 9972), wobei es sich bei der nur für Streicher gesetzten Dritten um eine Weltersteinspielung handelt. Von seinen insgesamt sechs Gattungsbeiträgen fehlt somit nur noch eine Aufnahme der Vierten. Den aus Nowotscherkask, einer Donkosakenstadt, stammenden Popow drückten Verfolgung und Krieg auf ein fast unkünstlerisches Niveau herab; der Abstand zwischen seiner verbotenen Ersten und der banalen Zweiten, die auf Musik zu einem Propagandafilm zurückgeht, ist wahrhaft Mitleid erregend. Als Einzelfall ist Popow jedoch nicht zu sehen. Wladimir Schtscherbatschow, einen ehemaligen Mitstreiter aus Zeiten der ASM, schienen die Ereignisse dermaßen verunsichert zu haben, dass er für seine total nichtssagende 5. Symphonie (NF 9970) zehn Jahre brauchte statt, wie man vermuten würde, zehn Tage. Stalins Parteimaschinerie vernichtete die Talente mühelos en masse. Nicht auszudenken, welche Entwicklung die russische Musik ohne Repression genommen hätte.  

Am stärksten wurde Alexander Mossolow mit dem Futurismus der 20er Jahre identifiziert. Folglich statuierte die Partei an ihm das grausamste Exempel. Er konnte sich auch nicht mehr dadurch retten, dass er während des Krieges pathetisch aufgetakelte Folklore-Symphonien schrieb mit rasselndem Schlagwerk und Glockenklang, wahre Muster des sozialistischen Realismus – er war bei den Bonzen unten durch. Schon um 1930 verlor Mossolow, dessen «Eisengießerei» zum Kennzeichen und Exportschlager der Modernisten geworden war, die staatliche Unterstützung. Er entfernte sich aus Moskau und ging in Armenien, Georgien und Turkmenistan erst einmal auf Volksliedjagd. 1932 beschwerte er sich brieflich bei Stalin über die schlechte Behandlung durch höhere Instanzen. Stalins Antwort kam spät, aber sie kam – der Diktator vergaß nie etwas. Mossolow wurde 1936 wegen Trunkenheit, öffentlicher Ruhestörung und konterrevolutionärer Aktivität angeklagt und entkam dem Lager nur deswegen, weil sich seine einstigen Lehrer Mjaskowski und Gliere für ihn verwendeten.
Nach Hitlers Überfall besserte sich der Delinquent erheblich. Seine 1. Symphonie E-dur (NF 9978) entstand 1944, ihr Finale benutzt das aus den napoleonischen Kriegen stammende Volkslied «Oh Russland, mein Russland» für eine gigantische Materialschlacht. Verglichen mit der «Eisengießerei» und dem 1. Klavierkonzert (1927) war das natürlich ein eklatanter Rückschritt. Trotzdem fällt es schwer, sich dieser durchgeknallten Paradenummer und ihrem brillanten Pomp zu entziehen. Das gelang wohl auch damals nur mittels Ignoranz. Nach 1945 entwich Mossolow erneut Richtung Süden. Er schrieb fünf weitere, rätselhafterweise genauso erfolglose Symphonien, heiratete dann eine Chorleiterin in Archangelsk und starb vergessen 1973 in Moskau. Eigentlich hatte er noch Glück gehabt – vollkommen vergessen zu werden, war nicht das Schlimmste, was einem damals passieren konnte.

Zu beziehen durch den CD- und Online-Handel oder über: www.russiancdshop.com
 

Volker Tarnow

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