Mit seiner fünfzehnten Oper, dem im Dezember 1849 in Neapel uraufgeführten melodramma tragico «Luisa Miller», hat Verdi die Schwelle der Meisterschaft erreicht. Und dennoch wird dieses Stück, in dem er, drei Jahre vor der ungleich erfolgreicheren «Traviata», in Anlehnung an Schillers «Kabale und Liebe» erstmals einen intimen Stoff gestaltet, nur selten aufgeführt. Verdis Librettist Cammarano hat Schillers handlungsarmes, aber ausufernd rhetorisches Trauerspiel geschickt aufs Format einer italienischen Nummernoper reduziert. Was dabei an Komplexität des Dialogs und politischer Brisanz verloren ging, gleicht Verdis Musik durch heftige Emotionalisierung wieder aus: Sie macht hörbar, wie Luisa in einem Räderwerk aus Lügen und Intrigen zugrunde geht.
Markus Dietz ließ sich in Stuttgart von dem im Dezember 2009 verstorbenen Franz Lehr eine Szene bauen, die Verdis emotionale Innenwelt in einen strengen Kasten rahmt – ein geschlossener, abstrakter, durch Lichtschienen gegliederter, in Grau- und Blautönen beleuchteter Raum, der durch den Einsatz von Hubpodien und Obermaschinerie ständig in Bewegung ist und je nach Bedarf verkleinert oder vergrößert werden kann. Das hätte die Chance geboten, einerseits Verdis musikalische Nummern als isolierte Bilder optisch auf die Szene zu setzen, andererseits jedes naturalistische Spiel schon im Ansatz zu unterbinden.
Beides ging nicht auf – einmal weil sich die schließlich nur noch leer laufende Maschinerie verselbstständigte, zum andern weil es Dietz nur selten gelang, zu einer konzentrierten Verinnerlichung der Figuren jenseits der opernüblichen Klischeegestik vorzustoßen. Das nahm dem Spiel, vor allem den Auftritten des grotesk karnevalistisch kostümierten Chors – die Damen in Weiß, die Herren in Schwarz mit überdimensionierten Zylindern –, auf weite Strecken jede Spannung. Vollends in gefährliche Kitschnähe führten die Videoprojektionen – Eislandschaften, ein erlegtes Reh, heruntersickerndes Blut oder die Einblendung der tanzenden Luisa, die Rodolfo sich in seiner Verzweiflung herbeifantasiert. Zu sich selbst kam das Stück erst im Schlussakt, als sich der Hintergrund öffnete und den Blick auf die bis auf die Brandmauern geöffnete Bühne freigab. Hier endlich wurde, im Einklang mit der Botschaft von Verdis Musik, das Private auf beklemmende Weise öffentlich: Es gibt kein richtiges Leben im falschen!
Auszug aus einer Rezension der «opernwelt» 11/2010. Den vollständigen Text finden Abonnenten hier