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Panorama

Unendlich vordergründig
Freiburg | Puccini: Manon Lescaut, Calderón/Santos: Das große Welttheater

Nicht Amiens – Paris – Le Havre – Amerika. In Freiburg begibt Puccinis Oper «Manon Lescaut» sich in Innere der Titelheldin. Ihre Gestalter(innen) sprechen denn auch von inneren Ortswechseln, von ihren «Seelenzuständen». Und solange Yona Kims Inszenierung diese fest im Blick behält, hat auch Manons von der Liebe kaum gebremste Jagd nach Luxus, haben auch ihre Reue und ihr finales Elend starke, eindringliche Momente. Sie werden durch den zentralen Einfall der Bühnenbildnerin Evi Wiedemann noch gefördert. Über dem Spielrechteck eine Schwadron von Lampenkugeln und Kristalllüstern, die, heruntergefahren, Manons Niedergang begleiten und am bitteren Ende das Ambiente einer Müllkippe suggerieren – der sterbende Mensch als Kehricht, als Opfer der allgegenwärtigen, gesichtslosen (Chor-)Gesellschaft und ihrer Kälte unbrauchbar geworden, der einstige Liebhaber, der immerhin mit Manon nach Amerika floh, desinteressiert, die Hände in den Hosentaschen.

An der Glaubhaftigkeit gerade dieses Details schien das heftig aufbuhende Premierenpublikun gleichwohl zu zweifeln. Wie wohl auch wenige nachvollziehen können, was Manon an ihrem – im Original ältlichen – Galan Geronte vermisst. Dem kernigen Bassisten Jin Seok Lee scheint es bei – nun ja – offenem Bademantel an nichts zu gebrechen. Es sei denn, ihre Seele gestatte keine liebelose Liaison mit einem alten Geldsack. Und: Viel von den verrätselten Kollektiv-Bewegungen des schon vorm Vorhang penetrant präsenten Chors muss uns Hekuba bleiben. Dass Manon in Geld badet und letztlich auch darunter begraben wird, ist nur eine der Überdeutlichkeiten dieser immer wieder plump-vordergründigen Version. Ohne die Eselsbrücke, dass einer (Des Grieux), der vor Liebe blind ist, auch eine Augenklappe verpasst bekommt, scheint es nicht mehr abzugehen. Zielsicher zugespitzt mutet indes eine kleine, schlimme Randglosse an: Da verkauft eine Mutter ihr hochhackig einherstaksendes Töchterchen an den Zuhältertyp Lescaut (Juan Orozco, baritonal kompakt), dem seine Schwester als Einnahmequelle abhanden gekommen ist.

Auch wie Manon in ihrem kurzen Rock bei ihrem Erstauftritt plötzlich dasteht: eine vielsagende, fast geheimnisvolle Erscheinung – das ist schon ein genuiner Theatermoment. Und wie Christina Vasileva in der Gestalt geradezu aufgeht, das ist schon ein singschauspielerisches Ereignis. Die Stimme: ein leicht verschleierter lyrisch-dramatischer Sopran, der die großen Puccini’schen Bögen wie die Zurücknahme ins Piano beherrscht. Allerhand! Das Nämliche gilt für Gaston Riveros Des Grieux: ein eher heller Spinto-Tenor auf weicher Basis, zum Höhenstrahl nichtsdestoweniger fähig und um  Differenzierung immerhin bemüht. Am Pult: Gerhard Markson. Einer, der bereits bewiesen hat, dass er Puccini samt seinem aufblitzenden Parlando-Tonfall «kann», dass er, bei anfangs mittleren Präzisionsgraden, Arien, Duette, Orchesterpartien zu entwickeln, zu stauen und zu wölben versteht, die dramatischen Kulminationen sicher aussteuert.

Ein sehr starkes Bild ein weiteres Mal in Freiburg. Röhren, zu einem Dickicht aus Orgelpfeifen hochgezogen, auf die Szene drückend und dumpf-blechern beklopft: Rebecca Hingsts Bühne für «Das große Welttheater» des Pedro Calderón de la Barca. Calderón in diesen Spalten? Der Orgelpfeifenwald ist auch ein Zeichen: Das Fronleichnamsgleichnis von 1675 kommt als «Musikalisches Schauspiel» daher. Der Katalane Carlos Santos (Jahrgang 1940) hat für die Inszenierung seines Landsmanns Calixto Bieito eine Musik geschrieben, die das Geschehen weitgehend beherrscht und mehr als nur koloriert.

Der Autor, Gott und Schöpfer, der in der Gestalt des – virtuosen – Countertenors Xavier Sabata auf Podium mitten im Parkett springt, nutzt die Sprache des unbegleiteteten, ausdrucksstark-ariosen (spanischen) Rezitativs, dessen sich auch Mutter Erde (Leandra Overmann, aufs Neue denkbar expressiv) bedient. Indes, was sie intoniert, ist bisweilen auch nahe dem cante jondo des Flamenco, und was der musikalische Leiter Clemens Flick an Orgel und Harmonium initiiert, steht auch mal mit einem Bein im Tango, lässt Folklore wie, gleichsam von weit her, den Bach’schen Choral anklingen und versteht sich ganz allgemein aufs – auch mal gewaltig Schlagwerk-hämmernde – Vokabular der Neuen Musik. Sphärenklänge kennt Santos’ Musik allerdings auch. Für den eher belcantesken Part mit der Devise «Handle gut, denn Gott ist Gott» ist die Sopranistin Jana Havranová als «Gesetz der Gnade» im Goldbrokat zuständig (Kostüme: Ingo Krügler).

Was Bieito inszenierte, ist die erste Koproduktion des neuen Barcelona Internacional Teatre – die bis nach New York reisen soll. Wie er es inszenierte, von dem – leider unendlichen – Moment an, da die blutigen, bibbernden, in einem Bottich von der «Erde» zu schrubbenden Symbolgestalten aus der gigantischen zuckenden Plastik-Fruchtblase geboren werden, und dem – leider unendlichen – Moment, da sie tot wieder in Plastik verpackt werden, ereignet sich mitunter ekstatisches, bildmächtiges Bieito-Spiel am Rande von Nitschs Orgien- und Mysterien-Theater. Es würde mehr beeindrucken, könnte man auf die – nicht selten totale – Nacktheit des allegorischen Personals nicht seinen Kopf verwetten, wären Bieitos Erfindungen weniger erwartbar.  

Puccini: Manon Lescaut.
Premiere am 26. November 2011. Musikalische Leitung: Gerhard Markson, Inszenenierung: Yona Kim, Bühne: Evi Wiedemann, Kostüme: Hugo Holger Schneider, Chor: Bernhard Moncado. Solisten: Christina Vasileva (Manon), Juan Orozco (Lescaut), Gaston Rivero (Des Grieux), Jin Seok Lee (Geronte), Christoph Waltle (Edmondo/Ballonverkäufer), Susana Schnell (Sängerin) u. a.

Calderón/Santos: Das große Welttheater.
Premiere am 10., besuchte Aufführung am 18. November 2011. Musikalische Leitung: Clemens Flick, Inszenierung: Calixto Bieito, Bühne: Rebecca Ringst, Kostüme: Ingo Krügler. Solisten: Xavier Sabata (Autor/Schöpfer), Leandra Overmann (Welt), Victor Calero (König), Iris Melamed (Weisheit), Jana Havranová (Gesetz der Gnade), Nicole Reitzenstein (Schönheit), Konrad Singer (Der Reiche), Martin Weigel (Bauer), Frank Albrecht (Der Arme), Lena Drieschner (Eine verirrte Seele), Moritz Knapp (Kind).


Heinz W. Koch / opernwelt / Seite 35 / Januar 2012

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