Marc Lüders bringt Zahnbürsten zum Schweben und zeigt den Supermarkt auf seinen «Photopicturen» als profane und zugleich irreale Zwischenwelt.
Wo sind wir, wenn wir einkaufen? Wie steht es um die Wirklichkeit des Supermarkts? Dass es sich in gewisser Hinsicht um einen realen Ort handelt, ist unbestreitbar. In einer dem erwartbaren Konsumbedürfnis ihrer Kunden angepassten Verteilung finden sich Supermärkte überall in der Stadt. Sie lassen sich zu festgelegten Öffnungszeiten von der Straße aus betreten, im Innern grenzen ein metallenes Drehkreuz und der Durchlass an den Kassen den Einkaufsbereich von seiner Umgebung ab. Dieser Raum ist auf seine eigene Weise organisiert: Ware gegen Geld – das ist die ökonomische Spielregel, und wer sie bricht, riskiert das Einschreiten der Polizei.
In ästhetischer Hinsicht ist alles auf Ähnlichkeit und damit Wiedererkennbarkeit ausgerichtet: Die Eigenheiten der Stadt und der Straße, in denen der Supermarkt sich befindet, werden hier, so gut es geht, vergessen gemacht. Die angebotenen Waren sind keine Einzelstücke, sondern nach dem Gesetz der Serie organisiert. In Regalen fügen sich die beschrifteten Verpackungen zu Reihen und Farbmustern; der Blick des Käufers gleitet darüber hinweg wie über einen Text. Dieser Vorgang ist lange eingeübt, denn schon im 19. Jahrhundert gewöhnte sich der Flaneur daran, die ganze Welt als miniaturisiertes Arrangement von Waren zu begreifen – die geometrisch gestaltete Passage ersetzte ihm größere Reisen und ließ die Zumutungen des Großstadtdschungels außen vor.
Wo also sind wir, wenn wir einkaufen? Der Philosoph Michel Foucault hat von anderen Räumen – «Heterotopien» – gesprochen und damit Bibliotheken, Friedhöfe oder Schiffe gemeint. Ein solcher Ort ist auch der Supermarkt. Als Transitzone des Konsums ist er zwischen Realität und Utopie angesiedelt. Das bleibt nicht ohne Wirkung auf die Menschen, die sich hier bewegen. In stummer Vereinzelung und zuweilen traumwandlerischer Versenkung erscheinen zumindest die Figuren, die der Künstler Marc Lüders in seiner Supermarkt-Serie ins Bild gesetzt hat.
Lüders trägt dem Zwischenzustand des profanen und zugleich irrealen Moments durch die Wahl seiner Mittel Rechnung: Als «Photopicturen» bezeichnet der Künstler diese Mischtechniken aus Fotografie und Malerei. Erst auf den zweiten Blick begreift der Betrachter, dass die gestochen scharfen Aufnahmen von Regalreihen, in denen sich Kosmetikprodukte, Süßigkeiten, Perücken oder Zeitschriften befinden, auf dem Kopf stehen. Wie in der Kapsel eines Raumschiffs scheinen die Gesetze der Gravitation auf diesen Bildern außer Kraft gesetzt. Die Figuren, die in dieser Umgebung trotzdem einen festen Stand behaupten, sind in Öl gemalt – naturalistisch und detailgetreu einerseits, aber durch die künstlerische Subjektivität des gestischen Pinselstrichs zugleich verfremdet. Aus dem Gegensatz von dokumentarischer Schärfe und freier Erfindung speiste sich seit jeher die Spannung zwischen den Kunstmedien Fotografie und Malerei. Marc Lüders vereint diese Alternativen – zum Zwecke des besseren Verstehens eines seltsamen Ortes. Wissen wir jetzt, wo wir sind, wenn wir einkaufen?