Eine Freundschaft und eine große Liebe: Patti Smith erinnert sich an Robert Mapplethorpe, der radikal lebte und früh starb
Wenn man wie Robert Mapplethorpe dem magischen Denken zuneigt und wie Patti Smith an Vorsehung und den Kontakt des Künstlers mit dem Göttlichen glaubt, dann kann die Begegnung der beiden Zwanzigjährigen im New Yorker Sommer von 1967 kein Zufall gewesen sein. Ein unstillbarer Freiheitsdrang hatte die beiden in die Metropole verschlagen und dazu die Lust, sich selbst neu zu erfinden. Robert Mapplethorpe, der spätere Sänger, war mit fünf Geschwistern in einem streng katholischen Elternhaus auf Long Island großgeworden und als Junge Messdiener gewesen. Er bricht mit seinem Vater.
Patti Smith, künftig Musikerin, entstammt einer vielköpfigen, weit weniger strengen Arbeiterfamilie und muss die Ächtung durch das kleinstädtische Milieu von New Jersey am eigenen Leib erfahren, als sie, natürlich unverheiratet, mit neunzehn plötzlich schwanger wird. Sie bekommt das Kind, gibt es aber zur Adoption frei und bricht auf in eine ungewisse Zukunft.
«Just Kids» heißt Patti Smiths autobiografischer Bericht dieser Zeit, und es zeigt sich, dass die heute 63-Jährige eine stete Tagebuchschreiberin gewesen sein muss. Die Detailgenauigkeit, mit der sie ihre Erinnerungen an Mapplethorpes und ihr eigenes künstlerisches Schaffen ausbreitet, verblüfft. Ob es gefundene Möbel, Gegenstände und Stoffstücke sind, mit denen die beiden ihre erste gemeinsame Wohnung in Brooklyn und später dann das Zimmer im Chelsea Hotel ausstatten, oder die Bestandteile von Mapplethorpes frühen Collagen und Assemblagen – unter der Feder dieser Autorin steigt jedes noch so kleine Ding in den Rang einer Reliquie auf.
Genet werden
Die Zähigkeit des Neubeginns in der Großstadt, mit schlecht bezahlten Jobs und oft auch hungrigen Mägen, wirkt in der Rückschau romantisch: «Manchmal gingen wir in Kunstmuseen. Das Geld reichte immer nur für eine Karte, deshalb ging nur einer von uns rein, sah sich die Ausstellungsstücke an und beschrieb dem anderen dann alles.» Auf den Tag genau kann Patti Smith die Ausflüge an den gemeinsamen Lieblingsort Coney Island, persönliche Begegnungen mit Jimi Hendrix und Janis Joplin oder den Besuch von Konzerten völlig unbekannter Bands datieren, wo sie meint, den «Sound einer neuen, aufkeimenden Szene zu hören». Inzwischen stand sie vor Mapplethorpes Kamera Modell.
In diesem Künstlerleben ist nichts bedeutungslos: «Wir beschlossen am 20. Oktober 1972 auszuziehen. Das war Arthur Rimbauds Geburtstag. So wie Robert und ich es sahen, hatten wir unseren Eid erfüllt.» Mit ihrer Verehrung für Rimbaud war Patti Smith in diesen Tagen nicht allein, galt er doch all jenen als Vorbild, die Poesie mit Rock’n Roll verschmelzen wollten. Bevor selbst ihr das gelang, verzweifelte sie oftmals am Schreiben, auf dem Boden sitzend, inmitten von Zetteln. Zugleich bewunderte sie Mapplethorpe für seine radikalere Anverwandlung an die großen Vorbilder: «Er war mir immer einen Schritt voraus. Während ich Genet las, war er schon dabei, Genet zu werden.»
Freundschaft? Liebe!
Patti Smith und Robert Mapplethorpe gehören zu den herausragenden Gestalten der Popkultur des 20. Jahrhunderts. Und doch wird nicht jeder mit der Musik der einen oder der Fotografie des anderen vertraut sein. Das aber ist zur gewinnbringenden Lektüre dieses autobiografischen Buches auch gar nicht nötig. Die beiden waren Freunde, dann ein Paar, schließlich wieder gute Freunde – bis Mapplethorpe 1989 an der damals noch rätselhaften Krankheit AIDS starb – dem 42-Jährigen war, wie Smith schreibt, nur die «Lebenszeit eines jungen Pharao» vergönnt.
Dieses Buch erzählt nicht bloß von der Musik, der Kunst und dem Glamour der New Yorker Szene. Es hält vielmehr, was der Untertitel verspricht, und erweckt die «Geschichte einer Freundschaft» zum Leben. Sehr früh haben die anfangs völlig Erfolglosen zueinander gefunden; beide aber – und das ist vielleicht beispiellos – wurden auf ihrem Gebiet ikonisch verehrte Berühmtheiten. Dass ihre Wege sich niemals trennten, dass dies hier, über alle sexuellen Wirrungen und Partnerwechsel hinweg, eine lebenslange Liebe war, macht dieses Buch so anrührend.
Stefanie Peter
Patti Smith Just Kids.
Die Geschichte einer Freundschaft
Aus dem Amerikanischen von Clara Drechsler und
Harald Hellmann. Kiepenheuer & Witsch,
Köln 2010. 336 S., 19,95 €
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