Christa Wolf taucht in die Krisenjahre der Wende zurück und findet sich am Ende in ihren alten Mustern wieder
Was, wenn ein Staat untergeht und ein Mensch hat mit ihm sein persönliches Schicksal verbunden? Wie hält er sich da auf schwankendem Boden, wie gewinnt er Festigkeit zurück? Durch Reflexion natürlich: Blicke zurück auf das, was war, auf den Vorgang des Untergangs selbst wie auf die gegenwärtige Umgebung. Dies ist die Ausgangssituation Christa Wolfs, als sie im Spätherbst 1992 mit einem Stipendium nach Los Angeles aufbricht, wo sie unter annehmlichen äußeren Bedingungen einige Monate verbringen kann, den deutschen Nachwende-Tumulten wenigstens physisch entzogen.
Über sie hinweggegangen ist bereits der Streit um ihren im Juni 1990 veröffentlichten Roman «Was bleibt», das Etikett «Staatsdichterin» haftet ihr an, die DDR ist mittlerweile in der Bundesrepublik aufgegangen, und in der Berliner Normannenstraße hat die Gauck-Behörde ihre Arbeit aufgenommen. Kilometer um Kilometer an Akten des Staatssicherheitsdienstes sind zugänglich, Zerschreddertes wird wieder zusammengesetzt, und was außer ihr selbst noch niemand weiß – neben einer umfangreichen «Opferakte» existiert auch eine «Täterakte» von Christa Wolf: Aufzeichnungen der Stasi aus den fünfziger Jahren, als die Autorin noch Verlagslektorin war und eines Tages von zwei jungen Herren aufgesucht wurde; die führten sie in dem dünnen Dokument alsdann als «IM Margarethe».
Dass es diesen Vorgang gab, hatte sie vergessen, in der Gauck-Behörde spielt ihr eine Mitarbeiterin den Aktendeckel verbotenerweise zu. Seither ist es nur eine Frage der Zeit, dass die deutsche Öffentlichkeit ebenfalls Kenntnis davon erhält, das neuerliche Getöse ist leicht vorstellbar. Was also hilft in solcher Lage?
Das neue Buch von Christa Wolf, als Fiktion nicht nur durch die Bezeichnung «Roman», sondern zudem durch einen längeren Passus über den erfundenen Charakter des Textes ausgewiesen, verfolgt die inneren wie äußeren Zustände, in die die Schriftstellerin in dieser Phase ihres Lebens gerät. Der Roman berichtet, tagebuchgestützt, vom Ankommen in der «Stadt der Engel» sowie vom Aufenthalt dort. Er gibt Gespräche mit Mit-Stipendiaten wieder, mit alten und neuen Freunden; er erzählt von gemeinsamen Unternehmungen und dem Versuch, eine Frau zu finden, von der die Ich-Erzählerin nur den Anfangsbuchstaben des Vornamens, «L.», kennt, deren Briefe an eine deutsche Kommunistin namens Emmy ihr nach deren Tod zugefallen sind. Und natürlich geht es um die inneren Konvulsionen, die eskalieren, als im Winter 1992/93 tatsächlich bekannt wird, dass Christa Wolf bei der Stasi als «Inoffizielle Mitarbeiterin» galt.

Zurück, zurück – auch ins eigene Werk
«Erinnern, wiederholen, durcharbeiten» heißt die Trias der Freud’schen Psychoanalyse, und man folgt lange Zeit gespannt, wie dieser Vorgang einer Selbstanalyse sich im Abstand von nahezu zwanzig Jahren nun auf dem Papier ausnimmt. Welche Erkenntnis, welche Verfassung kann an dessen Ende stehen? Aussöhnung?
Anhaltende Verunsicherung? Eine Neu-Erfindung der eigenen Person? Was also hat es auf sich mit jenem «Overcoat of Dr. Freud», der im Titel des Buches steht – schützt und wärmt er? Erweist er sich als löchrig? Wird er schließlich von der Patientin abgelegt werden?
Der Mantel wird, so viel lässt sich sagen, irgendwann nicht mehr benötigt. Doch bis es so weit ist, hat die Ich-Erzählerin manche innere Wüste zu durchqueren. Und irgendwann tritt ihr ein Schutzengel namens Angelina zur Seite, eine imaginäre schwarze Frau, die sich für die inneren Verwerfungen ihrer Schutzperson nicht so brennend interessiert und ihr die Antworten auf ihre Fragen selbst überlässt – so übernimmt Angelina die Aufgaben des abwesenden Dr. Freud, eine Begleiterin von gleichschwebender Aufmerksamkeit. Bis die Patientin wieder zu sich selbst gefunden hat, vermeintlich oder wirklich.